Im Kampf gegen „Substanzapostel“: Denkmal-Chef Petzet will Münchens alte Dorfkerne vor falscher Ideologie schützen

von Michael Grill

"Reden über Stadtbaukultur" mit Stadtbaurätin Elisabeth Merk und Icomos-Präsident Michael Petzet im Literaturhaus. Foto: Michael Grill

Er ist ganz offensichtlich weiterhin in großer Sorge um das alte München: Michael Petzet, Präsident des Deutschen Nationalkomitees von Icomos und damit Deutschlands oberster Denkmalpfleger, kämpft um den Erhalt der historischen Dorfkerne in den Stadtvierteln. Diese sollen nach den Vorstellungen des Landesamtes für Denkmalpflege radikal von der Liste der schützenswerten Ensembles gestrichen werden, weil ihre historische Substanz oft nicht mehr original ist, sondern wiederaufgebaut oder verändert wurde. Bei der „Gesprächsreihe zur Stadtbaukultur“ mit Stadtbaurätin Elisabeth Merk im Literaturhaus sagte Petzet: „Ich habe das finstere Gefühl, dass hier nichts Gutes angerichtet wird.“

Petzet, der ein Vierteljahrhundert lang als Präsident des Landesamtes den Denkmalschutz in Bayern entwickelt hatte und danach zehn Jahre lang die Welt-Denkmalorganisation der Unesco führte, schlug erstmals vor zwei Jahren in einem AZ-Interview Alarm: Im Landesamt seien „Dilettanten“ am Werk, die einer falschen Ideologie anhingen und deshalb den letzten Schutz für die Münchner Dorfensembles aufgeben wollten. Daraufhin entstand Bürgerprotest, auch die Stadt wehrte sich gegen die staatliche Behörde. Inzwischen versucht man Kompromisse zu finden und einen Großteil der Ensembles doch zu erhalten – doch das Grundproblem bleibt bestehen. Petzet: „Einige Kollegen sehen nur die historische Substanz und sonst gar nichts. Es geht aber nicht nur darum, was authentisch ist, sondern auch um Entwurf, um den Geist eines Ortes, um das Gefühl, das die Menschen mit ihm verbinden.“ Hier seien aber immer noch, so Petzet, „Substanzapostel“ am Werk, deren Radikalität mit dem bayerischen Denkmalgesetz nicht vereinbar sei. Stadtbaurätin Merk pflichtet Petzet insofern bei, dass der Ensembleschutz für die Stadt unverzichtbar sei. Wenn etwa ein Bauträger ein großes Terrassenhaus in einen alten Dorfkern stellen wolle, könne man mit dem Baugesetz meist nicht dagegen vorgehen, mit dem Ensembleschutz aber schon.

Einen großen künftigen Streitfall für München hat der 77 Jahre alte Petzet ebenfalls schon im Blick: Die „Alte Akademie“ in der Altstadt, die ein riesiges Areal zwischen Neuhauser- und Maxburgstraße umfasst. Der Freistaat will sie an Investoren verkaufen. Petzet: „Ich mache mir große Sorgen um dieses ehemalige Jesuitenkolleg“ - denn auch dort steht der Ort für eine jahrhundertealte Kulturgeschichte, aber die Bausubstanz wurde großteils nach dem Krieg wiederaufgebaut.

Veröffentlicht am: 07.12.2010

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