Jürgen Drews über seine späte Karriere als Autor

"Die Seele hinterlässt ein lebendiges Echo"

von Isabel Winklbauer

Über Licht und Schatten in der Pharma-Industrie schreibt Drews lieber nicht. (Foto: I.Winklbauer)

In Ihrem Krimi „Das Mörderspiel“ von 2006 nimmt das Erinnern extreme Züge an: Hauptfigur John Fitkau hat Gedächtnislücken, erinnert sich aber an seine Jugend. Unter anderem auch daran, dass er mit seiner Mutter schlief. Hat das in Fitkaus Leben wirklich stattgefunden oder verändert sein Gehirn die Vergangenheit?

Die Vergangenheit verändert sich in der Erinnerung tatsächlich, aber in diesem Fall ist es ein echtes Ereignis.

Laufen Ihnen die Charaktere beim Schreiben davon?

Manchmal wachsen sie mir über den Kopf, aber das muss kein Nachteil sein.

Warum schreiben Sie eigentlich nicht über aktuelle Themen der Medizinbranche? Der rasant steigende Absatz von Psychopharmaka, der politische Einfluss der Pharmaindustrie sind doch ideale Hintergründe für Sie.

Das Bild das in Deutschland von der Pharmaindustrie herrscht, ist grotesk falsch. Man versteht hier nicht, dass die moderne Pharmakologie eine der großen Leistungen unserer Zivilisation ist. Es ist kein Zufall, dass Deutschland in der modernen Arzneimittelforschung nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.

Sie sehen für die Pharmabranche also keinen Diskussionsbedarf?

Ich habe noch nie so viel Ahnungslosigkeit und religiösen Eifer erlebt wie bei Diskussionen mit Gegnern der Biotechnologie. Alle wollen zurück zur Natur. Doch als Patienten beschweren sie sich nicht, wenn sie mit monoklonalen Antikörpern oder Interferonen behandelt werden. Die Deutschen sind Weltmeister im Konsum biotechnischer Medikamente! Ihre rückwärtsgewandte Mentalität ist wohl ein Resultat der Nazizeit, in der die Medizin eine wenig rühmliche Rolle spielte.

Trotzdem muss es Sie doch in den Fingern jucken, das ein oder andere Geheimnis aus den Labors aufdecken zu wollen.

Der Konflikt zwischen ärztlichem Ethos und kommerziellen Überlegungen, dem man in einem Pharmakonzern ausgesetzt ist, wäre schon ein Thema. Was für die Patienten gut ist, ist es manchmal nicht für die Aktionäre, und umgekehrt. Aber hier werden in der Realität meist ganz unspektakuläre Kompromisse gefunden. Das geht in Romanen nicht, da die Spannung  erhalten bleiben muss. Ich müsste die eine oder andere Gruppe verteufeln, da es die Bösen geben muss. Und das wäre unseriös.

Es gibt in der Pharmaindustrie also keine „Bösen“?

Wichtige Medikamente entstehen nicht, weil irgendein Mächtiger ein Präparat mit ganz bestimmter Wirkung wünscht. Sie entstehen durch dauerhafte Beschäftigung mit physiologischen Zusammenhängen. Wissenschaft ist verspielt. Man stellt eine Hypothese auf, prüft sie, lässt sie fallen... oft forscht man nach A und findet B. Das muss auch so bleiben. Nur so gibt es Innovation. Durch bürokratische Reglementierung werden die Chancen der Forschung verspielt.

Also leider kein Pharmathriller. Wohin führt die Erinnerung Ihre Leser als nächstes?

Ein neuer, biografischer Roman, „Glück und Entfremdung“, ist gerade fertig geworden. Es geht um einen Deutschen, der in der Nachkriegszeit in den USA erfolgreich und glücklich wird. Als sich die weltpolitische Wetterlage trübt, verändert sich ohne sein Zutun auch sein Verhältnis zu seiner Wahlheimat. Plötzlich wird seine Vergangenheit, auch die seiner Eltern, durchwühlt, man wirft ihm Dinge vor, für die er nichts kann. Während er gezwungen ist, sich zu erinnern, nimmt sein Leben eine Wendung.

Jürgen Drews: „Wendelins Traum“. Buch & Media Verlag, 2012, 19,90 Euro

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Veröffentlicht am: 06.10.2012

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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