"musica viva" mit Werken von John Zorn, Philipp Manoury und Jorge E. Lopez

Wär' er doch herausgetreten - Kubaner im Kärnter Komponierhäusel

von Alexander Strauch

Philipp Manourys "Zones de turbulence" wurde im Rahmen der musica viva Reihe uraufgeführt. Foto: Astrid Ackermann (Aufnahme entstand während der Proben)

Zwischenbilanz bei "musica viva": Vergangenen Freitag (13.12.13) fand das dritte Konzert der Reihe des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal der Münchener Residenz statt. Das Sinfonieorchester des Senders unter Brad Lubman führte Werke von John Zorn, Philipp Manoury und Jorge E. Lopez auf. Das Konzert zeigte das Spannendste gleich zu Beginn mit der deutschen Erstaufführung von John Zorns „Orchestra Variations“. Dieses kürzeste Werk des Konzerts ist dem Andenken Leonard Bernsteins gewidmet.

 

Mit seinen kurzen lyrischen Einsprengseln, expressiven Violingesten, Celesta-Klingeln, Hoteldämpfer-Streichern, freejazzhaften Trompetenfetzen und breiten Liegeklängen der tieferen Bläser, sowie einer zweimal aufscheinenden Holzbläserkontur, die zwischen Minimal Music und eben dem Widmungsträger Bernstein durchschimmerte, entstand ein zartes Kompendium John Zorns persönlicher Ausformung der Postmoderne. Auf alle Fälle hatten sich damit der Dirigent Brad Lubman und das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks bestens für die folgende Uraufführung aufgewärmt.

Dirigent Brad Lubman. Foto: Astrid Ackermann (Aufnahme entstand während der Proben)

Philipp Manourys „Zones de turbulence“ für zwei Klaviere und Orchester knüpfte an der Kurzweil von John Zorn an. Die ersten vier Sätze waren aufbrausende Auffächerung, virtuose und gemächliche Klaviergesten mit Orchesterpedal,  gedämpften Streicherimitationen und Steel-Drum-Sounds sowie Tam-Tam-Ausklang. Der zweite Satz war mit nur zehn Sekunden Dauer eine überraschende Klanggeste, während der letzte Satz die vorangegangen nochmals anklingen ließ und sich mit abschließenden, endlich klaren Unisonoschlägen verabschiedete. Virtuos von den Solisten Andreas Grau und Götz Schumacher interpretiert, vom Publikum warm aufgenommen, hinterließ dieses handwerklich mehr als solide gemachte Werk leider nur den Eindruck einer Etüde.

Die „III. Sinfonie“ von Jorge E. Lopez sollte eigentlich das zentrale Werk des Abends werden. Mit sublimen Anklängen an Gustav Mahler und Alban Berg, einem Beginn, der an die Anfangsgestaltung einer romantischen Sinfonie erinnerte, verlor sich der erste Satz doch über weite Strecken ein wenig zu sehr im Gründeln der Bassinstrumentensektion, trotz interessanter Anstrengungen von Bratschen und Celli. Im zweiten Satz schickte Lopez die Flöten auf den hinteren Saalbalkon, als sänge endlich ein Knabensopran aus ätherischen Höhen, wie es sein Vorbild Berg in frühen Sinfoniefragmenten plante und doch besser andere Pläne verfolgte. Was blieb war der Eindruck, dass ein Kubaner in seiner Liebe zu den beiden bald klassischen Österreichern zu sehr in seinem Kärtner Komponierrefugium stecken blieb, und sich - zu sehr die eigene Aussage suchend - doch zwischen den Altvorderen verlor, statt wie diese manchmal vor die Tür zu treten und das Alpenpanorama in vollen Zügen in die Seelenlandschaft der Partitur mit einzubauen. Statt deren Wucht zu suchen sedierte Lopez seine Emotionalität, wie so viele in der zeitgenössischen Musikszene, aus der er doch erklärtermassen ausbrechen wollte.

Veröffentlicht am: 18.12.2013

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