"Der Stachel des Skorpions" in der Villa Stuck

Traum als Katalysator

von Barbara Teichelmann

De Sade für Fortgeschrittene: Aktionskünstler John Bock schmückt aus, was Luis Buñuel nur andeutete. Filmstill: John Bock

Gut schaut er nicht mehr aus, der Marquis. Sein Gesicht ist eine wuchernde Eiterkraterknotenlandschaft in unappetitlichem gelb, aus der die erigierte Hakennase keck hervorsticht. Hals, Oberkörper und Arme stecken in einem unübersichtlichen Stützkorsett aus fleischfarbigen Plastikschalen. Bauchabwärts kann man nur ahnen, was sich abspielt, wenn die strenge Krankenschwester die Decke lüpft und freudestrahlend die über Nacht gewachsenen Eiterfurunkel begrüßt.

Aber weder der lüsterne Greis noch sein bestes Stück, das ihm, wie er infantil agil piepst, "immer gute Dienste geleistet hat", lassen sich einschüchtern von den syphilitischen Verwüstungen und genießen ihre letzte Orgie des Ekels. 44 Minuten dauert John Bocks absurd amüsante Videovision, in der er sich in das Schloss Selligny einschleicht, wo der Graf munter vor sich hinfurunkelt und man sehen kann, was Luis Buñuel in der letzten Szene seines Films "L’Âge d’or" nur andeutete: sadistisch-blasphemische Spielereien, inspiriert durch de Sades Episodenroman "Die 120 Tage von Sodom". Bocks Film ist Abschluss und Höhepunkt der Ausstellung "Der Stachel des Skorpions" in der Villa Stuck, die als Hommage an André Bretons "Manifest des Surrealismus" gedacht ist, das dieses Jahr 100 Jahre alt wird. Der Dichter Breton sprach vom Traum als einem "Katalysator zur Vereinigung zweier Welten, einer inneren und einer äußeren", der Zufall wurde zum ästhetisch-organisierenden Prinzip und magische Wortspiele sollten Sprache und Welt, Wörter, Dinge und Gefühle in Bezug zueinander setzen. Buñuel setzte all das um, als er 1930 "L’Âge d’or" drehte, der erstens für einen gewaltigen Skandal sorgte (und in Folge dessen bis 1981 verboten war) und zweitens zum Schlüsselwerk des Surrealismus wurde.

Kann der Surrealismus noch was?

Hochästhetisch in Schwarz-Weiß: Julian Rosenfeld lässt seinen Protagonisten in die Unterwelt stolpern, Filmstill: Julian Rosenfeld

Kann der Surrealismus noch was, oder liegt er längst röchelnd auf dem Bett der Kunstgeschichte? Fragte sich das Münchner Künstlerduo M+M und wählte zeitgenössische Künstler aus, mit jeweils einer Filmsequenz auf jeweils eine Filmsequenz aus Buñuels Meisterwerk zu reagieren, das wie der Schwanz eines Skorpions aus sechs Teilen besteht. Das Ergebnis sind sechs eigenständige Filme, die sich dennoch zu einem Ganzen fügen: Der deutsche Fotograf und Filmer Tobias Zielony zeigt eine nüchterne Laborszene, die sich zum Making-of eines Animationsfilmes wandelt, das Musik- und Künstlerkollektiv "Chicks on Speed" entdeckt die australische Wüste als surrealistischen Ort, M+M schickt eine seltsame Prozession betend durch die Nacht und die israelische Künstlerin Keren Cytter konstruiert eine Schießerei in einer All-American-Bar. Der in München geborene Julian Rosenfeld erträumt eine schwarzweiße Welt, in der sich der Held aus dem Fenster stürzt, um sich dann mit der "Lust" als dem kreativen Prinzip zu beschäftigen, was im schrillen Treiben eines Jazzclubs seinen Höhepunkt feiert. Ein formal-ästhetisch aufwendiger Trip, stimmig bis ins kleinste Detail. Den giftigen Stachel des Skorpions gibt der sabbernde, bettlägerige Marquis. Der Surrealismus kann noch was.

Die Ausstellung läuft noch bis 9. Juni in der Villa Stuck.

 

Veröffentlicht am: 02.06.2014

Über den Autor

Barbara Teichelmann

Redakteurin

Barbara Teichelmann ist seit 2011 beim Kulturvollzug.

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