Erinnerungen an einen Selbstversuch in Sachen Höhlentourismus

Meine Nacht in der Unterwelt

von Karl Stankiewitz

Unter Tage. Foto: Thomas Stankiewicz

Zahlreiche Veranstalter bieten auch für die kommenden Monate geführte Touren in Höhlen deutscher und europäischer Mittelgebirge zu Preisen ab 39 Euro an. Solche Programme sind längst zu einem beliebten Bestandteil des expandierenden Action-Tourismus geworden, ähnlich wie Canyoning oder Bungee-Jumping. In diesem Sommer 2014 erschreckten allerdings zwei Höhlen-Unfälle aus dem Bereich der Forschung mit spektakulären Rettungseinsätzen die Öffentlichkeit. Karl Stankiewitz hatte im Sommer 1997, als der Ausflug, der Ein- oder Ausstieg in die Unterwelt einen ersten großen Aufschwung erlebte, an einer derartigen „Befahrung“ teilgenommen. Hier seine damalige Reportage – gekürzt zur Diskussion gestellt.

Unter Tage. Foto: Thomas Stankiewicz

Schweißnass und regennass, nach zweistündigem abendlichen Aufstieg, wird sogar die klamme Höhle am Laubenstein im Chiemgau scheinbar zur gemütlichen Einkehr. Schnell noch die triefenden Klamotten ausgezogen und in einem Plastiksack versteckt, einen dünnen Overall übergezogen, den Klettergurt festgezurrt und den Helm aufgesetzt, verschwinden wir im dunklen Loch.

Sofort schwindet das Gefühl der Geborgenheit vor dem Schlechtwetter draußen. Kriechend und keuchend bezwingen wir den ersten Stollen, Rucksack und Schlafsack zentimeterweise vor uns herschiebend. „I kumm mir vor wia a Maulwurf“, mault Martina aus Ebersberg. Sie ist die einzige Frau im Grüppchen und hat noch nie eine Höhle von innen gesehen, ja nicht einmal einen Berg bestiegen. Auch die übrigen fünf Teilnehmer sind keine erfahrenen Speläologen (Höhlenkundler), sondern nur abenteuerlustige Touristen.

Wieder einmal eine neue Freizeitaktivität: die „Befahrung“ von Höhlen, die nicht erschlossen sind wie die – von jährlich drei Millionen Menschen besuchten – fünfzig Schauhöhlen Deutschlands. Wieder einmal neue Begriffe, die aus Amerika kommen: „Spelunking“ oder auch „Carving“. Die Unterwelt als Urlaubsziel. Seit 1995 boomt der Höhlentourismus geradezu. Damals beging die Fränkische Schweiz, das einschlägige Eldorado, ein „Jahr der Höhlen“, mit geologisch-botanischen Führungen und das sogar im Inneren der Teufelshöhle.

Naturschützern und insbesondere Höhlenforschern macht der Drang ins Unterirdische zunehmend Kummer. Einerseits sei man nicht generell gegen den Besuch von Höhlen, von denen jede ein Kleinod für Geologen sei, andererseits verberge sich darin ein hochangepasstes Öko-System, das sehr empfindlich auf Störungen reagiere, mahnte die Biologin Cornelia Brunner, Höhlenschutzreferentin beim Verein für Höhlenkunde in München (VHM), der weit über 200 Mitglieder und etwa 360 Höhlen allein in der alten Bundesrepublik dokumentiert hat.

Auch die um die Jahrhundertwende entdeckten Großhöhlen in den Chiemgauer Alpen hat der 1954 gegründete Münchner Verein in weiten Bereichen „erstbefahren“, vermessen und hydrogeologisch untersucht. Diese Naturgebilde gehören zu einem für Deutschland ungewöhnlichen Karstsystem, sie sind auch einzigartige Biotope. Alle dienen als Winterquartiere von bestandsgefährdeten Fledermausarten. Abfälle und Fäkalien könnten das Todesurteil sein für die an ein absolutes Minimum von Nährstoffen angepassten Kleinstlebewesen, sagte Brunner. Der übergeordnete Verband der Höhlenforscher in Deutschland hat auf seinem Jahrestreffen 1996 in Iserlohn beschlossen, „das zunehmende Höhlen-Abenteuertum zu kontrollieren“. Zu diesem Zweck wurde in Neu-Ulm ein „Speläo-Aquanauten-Team“ gegründet.

Unter Tage. Foto: Thomas Stankiewicz

In der alten Schule von Frasdorf, am Fuß der Chiemgauer Alpen, wurde ein Höhlenmuseum eröffnet. Es bietet Einblick in diese Karstwelt, so dass die für Mensch und Umwelt gefährliche Befahrung eigentlich unnötig wäre. Ausgestellt sind einige Schätze geologischer und paläontologischer, aber auch ästhetischer Art, darunter der 1933 gefundene Schädel eines Braunbären, der hier vor 11.000 Jahren gelebt hat. Im Video sieht man die Entdeckung der bisher unbekannten „Höhle der Höhlenbären“ im Jahr 1996. Auch sind die 32 Tierarten dargestellt, die in den Chiemgauer Höhlen leben, von der Kleinen Hufeisennase bis zur Zackeneule, einer Schmetterlingsart. Und ein Stück der Schlüssellochhöhle wurde wunderschön nachgebildet. Breiten Raum nimmt die Höhlenrettung ein. Nach Beobachtung des VHM nehmen die Unfälle deutlich zu. Die Gefahr sei zwar in Höhlen, bei richtiger Ausrüstung, nicht unbedingt größer als bei normalen Bergtouren, wenn jedoch etwas passiere, seien die Folgen meist gravierender und die Rettung weitaus problematischer.

Das hat auch der Reporter bei der eingangs geschilderten Höhlentour mit Übernachtung – sie kostete 195 Mark pro Person, Schutzanzug, Helm, Stirnlampe und Brotzeit inbegriffen – leidvoll erleben müssen. Urängste stiegen hoch bei der Suche nach verborgenen Welten und vergangenen Jahrmillionen, beim „Schliefen“ durch enge, unten verschlammte und oben mit Felszacken bewehrte Gänge, wo die gelbenPlastikanzüge bald zerschlissen waren, beim Abseilen am glitschigen Fels oder an der rotierenden Strickleiter, beim Biwak in der kalten, düsteren Bärenhöhle und danach, beim noch schwierigeren Rückweg, beim eindringenden Regen, der sich in Sturzbächen über die besteigenden Kamine ergoss. Tröstlich allenfalls, dass die beiden Guides von „No limits tours“ gut ausgerüstet waren: mit Kenntnissen von früheren Befahrungen, mit detaillierten Karten, Kompass und Mobiltelefon (Würde es aber funktionieren?).

Unter Tage. Foto: Thomas Stankiewicz

Fazit aus dieser Erfahrung: Nicht empfehlenswert. Lieber nur die schöne Umgebung des Höhleneinstiegs erwandern oder das Höhlenmuseum in Frasdorf besuchen. Es hat im Juli und August jeden Sonntag von 16 bis 18 Uhr geöffnet, sonst immer jeden letzten Sonntag im Monat.

Eine Alternative wäre auch die reichhaltige Literatur über Höhlen – und nicht zuletzt die Mitgliedschaft im Verein für Höhlenkunde in München. Er veranstaltet regelmäßig am Wendelstein ein  Höhlenerlebniswochenende und andere gefahrlose Touren, Info-Abende mit Vorträgen aus aller Welt, spektakuläre Rettungsübungen mit Hubschraubern und beendet am 21. Juni im Schlösschen von Herrsching seine 60-Jahr-Feier. Berichtet wird da über „Tauchvorstöße“, über Neuland am Steinernen Meer (unweit des jüngsten Unfallortes von 2014), über Höhlen in Laos, in der Wüste und sogar auf dem Mars.

Auch die touristischen Veranstalter von Höhlentouren verbinden ihre Werbung heute mit klaren Warnungen. Die beschriebene Tour am Laubenstein dauert inzwischen nur noch vier Stunden (plus zwei Stunden Aufstieg), auf die Übernachtung wird verzichtet. Sie enthält aber immer noch Abseilstellen und Kletterpassagen über insgesamt 160 Tiefenmeter sowie längere Kriechgänge. „Spelunking“ sei kein kurzer Adrenalinkick, der für jeden zu schaffen sei, sondern fordere physische und psychische Fitness. Grundvoraussetzung: gute Kondition, Schwindelfreiheit, und keine Platzangst. „Wer an Klaustrophobie leidet, erfüllt sich hier einen Alptraum. Wem allerdings die Anstrengungen bewusst sind und die alpinistischen Grundlagen nicht fremd, der kann sich auf ein unvergessliches Erlebnis freuen.“

 

 

Veröffentlicht am: 26.08.2014

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