Olga Grjasnowas Roman "Die juristische Unschärfe einer Ehe"

Postmodernes Couple on the run

von Katrin Kaiser

In ihrem zweiten Roman beschreibt die junge deutsch-aserbaidschanische Autorin Olga Grjasnowa innere Distanzierung und emotionale Machtdemonstration als Überlebensstrategien einer entwurzelten Generation.

Olga Grjasnowa stammt aus Aserbaidschan, studierte am Leipziger Literaturinstitut und hat ein Faible für entwurzelte Grenzgänger. Foto: René Fietzek

Leyla kriecht zu Altay ins Bett, er schließt sie in die Arme. Sie überlegen, ob sie nicht Kinder bekommen sollten.

In einer Ballettvorstellung müssen Leyla und Altay auf einmal so sehr lachen, dass sie den Saal verlassen müssen.

Eng umschlungen liegen Leyla und Altay in ihrer gemeinsamen Wohnung auf der Couch und hören Schostakowitsch.

In manchen Situationen sind die Protagonisten von Olga Grjasnowas „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ einfach nur ein normales Paar. Sie sind verheiratet, sie lieben einander, sie schlafen miteinander.

Ungewöhnlich ist, dass beide eigentlich homosexuell sind. Das, was zwischen ihnen ist, ist mehr Vertrautheit und Freundschaft als leidenschaftliches Begehren. Ihr Sex ist ein Spiel, nicht ganz ernst gemeint, aus einer Laune heraus begonnen. Ihre Ehe ist das Konstrukt zweier Freunde, um ein möglichst unbehelligtes Leben führen zu können. Ein offener Umgang mit ihrer Sexualität ist in ihrem Geburtsland Aserbaidschan und in Moskau, wo sie später leben, keine Option.

Erst als sie nach Berlin kommen, ist alles anders: "Berlin war wunderbar – Homosexualität und Menschsein schlossen sich in europäischen Großstädten nicht mehr aus. Die einzigen Voraussetzungen waren die Zugehörigkeit zur weißen Rasse, das richtige Einkommen und die Bereitschaft sich in eine vorgegebene Rolle einzufügen." Leyla und Altay erfüllen die Voraussetzungen perfekt. Sie ist Ballerina, er Arzt. Sie sind Mitte zwanzig, gutaussehend, diszipliniert und erfolgreich. Berlin ist die ideale Stadt, um quälende Entwurzelung und elementare Zerrissenheit mit exzessiven Ausflügen ins Nachtleben, Drogen und kurzen Liebschaften zu überspielen.

In ihrem Wesen sind Leyla und Altay der Protagonistin von Grjasnowas gefeiertem Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" von 2012 ziemlich ähnlich. Auch die Ich-Erzählerin dieses Buches stammt aus Aserbaidschan, ist jung, ehrgeizig und innerlich ziemlich zerrissen – zwischen verschiedenen Männern und Frauen, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen drei verschiedenen Kulturen.

Die heute 30-jährige Olga Grjasnowa ist eine Expertin für den Nihilismus einer Generation, die gelernt hat, sich allein auf die eigene Leistungsfähigkeit zu verlassen. Als Leser ihres neuen Romans ist man einerseits fasziniert von der stolzen Kompromisslosigkeit der Protagonisten – man identifiziert sich mit ihnen, beobachtet sie gebannt, verliebt sich ein bisschen in sie. Anderseits ist ihre Unfähigkeit, wirkliche Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und sich auf irgendetwas einmal richtig einzulassen, fast unerträglich.

Genauso gelungen wie ihr Debüt: Grjasnowas zweiter Roman "Die juristische Unschärfe einer Ehe". Abbildung: Hanser Verlag

Leyla beginnt in Berlin eine Beziehung mit Jonoun, einer ziemlich chaotischen jungen Amerikanerin. Leyla genießt vor allem die Tatsache, dass Jonoun sie liebt und zu ihr aufschaut. Der pedantische Altay dagegen ist sehr genervt von dieser Frau, die nicht nur die Wohnung, sondern vor allem das Gleichgewicht zwischen ihm und Leyla durcheinanderbringt.

Einige psychische und physische Verletzungen und eine Reise in den Kaukasus später ist am Ende aber dann doch wieder alles, wie es vorher war. Leyla und Altay bleiben ein postmodernes Couple on the run, eine Art Bonnie und Clyde der gesellschaftlichen Konventionen und zwischenmenschlichen Übereinkünfte, die immer, wenn es brenzlig wird, gerade noch rechtzeitig abhauen.

Faszinierend ist, wie Olga Grjasnowa den Leser mit wenigen Worten und knappen Situationsbeschreibungen unwillkürlich davon überzeugt, dass die reine, nihilistische Rückbesinnung auf die eigene Körperlichkeit, für die Protagonisten tatsächlich die einzige funktionierende Überlebensstrategie ist. Man spürt am Ende ganz deutlich, dass die Unverbindlichkeiten des Berliner Nachtlebens, die Tristesse des postsowjetischen Kaukasus und die Perversionen der aserbaidschanischen High Society nur durch radikale innere Abgrenzung erträglich werden.

Olga Grjasnowa: "Die juristische Unschärfe einer Ehe", Hanser Verlag, 272 Seiten, 19,90 Euro.

 

Veröffentlicht am: 12.09.2014

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