"Nachtmensch", das neue Album von Chefket

Ein Mic, ein Weg, ein Ziel

von Olga Levina

Chefket. Foto: Classic Media

Viele kennen den 32-jährigen Şevket Dirican, alias Chefket, als gut gelaunten Live-Support für Rapper wie Marteria oder Samy Deluxe. Wenige wissen, dass er auch als Sprachbotschafter des Goethe-Instituts die Welt bereist, um deutsche Sprache und Kultur zu vermitteln. In den nächsten Tagen veröffentlicht der ehemalige Gewinner des "End of the Week"-Freestyle-Battles sein drittes Album "Nachtmensch".

Geprägt durch MCs wie Nas, wird Chefket bereits während der Schulzeit mit seiner Band Nil aktiv. 2004 zieht es den Künstler nach Berlin. "Ich kannte niemanden in Berlin, geschweige denn die Stadt. Also habe ich bei Google die Wörter Hip Hop, Party und Berlin eingegeben und an der Tür meinen Charme spielen lassen", erinnert sich Chefket. Auf seiner Selbstfindungsreise probiert er sich sogar als Poetry Slammer aus. Doch seine Konstanten bleiben Texten, Singen, Rappen.

In seinem Debütalbum "Einerseits Andererseits" (2009) experimentierte Chefket mit Rap, Blues- und Soulelementen. Auf der darauf folgenden "Identitaeter" EP (2013) reflektierte der Künstler seine kulturelle Identität. Eine Art Gegenpol dazu bildet das sorglose Mix Tape "Guter Tag" aus dem selben Jahr. "Nachtmensch", das neue Album, vereint alle diese Elemente, ist aber auch durch Trap-Einflüsse gekennzeichnet: Eine Mischung aus Hip Hop, House und Dubstep mit Doubletimes und gepitchten Stimmen. Deutlich herauszuhören sind hier auch elektronische Einflüsse, gemischt mit Klavier und Geigenklängen.

"Nachtmensch" ist in enger Zusammenarbeit mit dem Hamburger Produzenten Farhot in Dänemark, Marokko und Istanbul entstanden. "Farhot ist der Erste, der meine Vision verstanden hat", so Chefket. "Er hat mir Inspiration in Form von Beats gegeben, stand mir aber auch beratend zur Seite." Die dabei entstandenen zwölf Songs setzen sich mit der Nacht auseinander, in der Chefkets Leben in Berlin stattfindet. "Die Stadt ist bei Nacht so schön ruhig, und man kann sich ein wenig von der Hektik des Tags erholen", so der Künstler. "Dann kommen mir die besten Ideen. Nicht nur für Texte, sondern generell."

Das Cover von "Nachtmensch". Foto: Classic Media

Das neue Album dokumentiert, dass die Umsetzung dieser Ideen gut gelingt. Gleich im ersten Track "Rap & Soul" macht Chefket klar, dass er für Rap, Soul, Jazz und Rock 'n' Roll gleichermaßen steht. In Songs wie "Glückliche Rapper" oder "Fliegen" geht es um Glück, Erfolg und um Träume. Wie man deutlich auf dem diesjährigen Splash-Festival gesehen hat, trifft Chefkets Aussage: "Denn ich mach, was ich liebe und ich nenne es fliegen", auf den Künstler voll zu oder um es mit Nas Worten zu sagen: "All I need is one mic".

Ein Ausreißer aus dem melancholisch-verträumten Gesamtkonzept des Albums ist "Tanz", der sich durch dominante Trap-Elemente deutlich von den anderen Tracks absetzt. Eines der gelungensten Stücke ist "Träume": Zwischen Scratches, Klavier- und Trompetenklängen rappt Chefket über eben diese, die einem keiner wegnehmen kann. "Nachtmensch" und "Kater" sind ebenfalls melancholisch und zugleich voller Energie. Sie handeln von Sehnsüchten und den damit verbundenen Sorgen, die durch Trap und Jazzelemente perfekt untermalt werden.

"Carie Me Homeland" ist ein ironischer und zugleich sozialkritischer Track. Darin thematisiert Chefket die NSA- und BND-Skandale, Rassismus und die Kriege in Syrien, Israel und der Ukraine. In "Vernichtung" warnt er dafür vor dem "geistigen Grundschritt", dem die Menschheit verfällt und macht somit auf die Wichtigkeit des kritischen Denkens aufmerksam. Sein Fazit, dass es dieser Welt besser geht, "wenn der Mensch vernichtet ist", ist radikal. Doch man versteht ihn.

Auch "Wir" gehört thematisch zu den sozialkritischen Songs. Hier führt er Vorurteile gegenüber Deutschen und Türken vor und ruft dabei unwillkürlich "Identitaeter" in Erinnerung. Interessant an diesem Track ist auch der Break in der Mitte mit dem darauf folgenden Part von Marteria. "Immer mehr", der letzte Song auf diesem Album, passt gut ins nachdenkliche Gesamtkonzept. Darin thematisiert Chefket die menschliche Gier. Der Kerngedanke des Songs: "Schau auf das, was du hast – nicht auf das, was dir fehlt", steht für das gesamte Album und das auf ihm dominierende Grundgefühl. Absolut empfehlenswert für Menschen, die tiefsinnige Texte und atmosphärische Klänge mit deepen Beats zu schätzen wissen.

Veröffentlichung des Albums am Freitag, 14. August 2015. Im Herbst geht Chefket auf "Nachtmensch"-Tour - am 28. Oktober 2015 tritt er im Münchner Feierwerk/Hansa 39 auf.

Veröffentlicht am: 04.08.2015

Über den Autor

Olga Levina

Redakteurin

Olga Levina ist seit 2012 beim Kulturvollzug.

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