Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal im Interview

"Mein Blick hat etwas Touristisches"

von Michael Weiser

"Ich arbeite aus dem Gefühl der Fremdheit heraus": Matthias Lilienthal. Foto: Sima Dehgani

Seit einigen Wochen schwingt Matthias Lilienthal an den Kammerspielen das Szepter. Kaum war der Intendant zu Atem gekommen, baten wir ihn zum Plausch. Warum es gut ist, über einem Café zu wohnen; warum es nicht gut ist, alle Schauspieler auszuwechseln, wenn man als Intendant anfängt; wie er zu Christoph Schlingensief kam und warum Beirut besser sein sollte als Bayreuth - darüber sprachen wir mit Lilienthal.

Sie hatten einen holprigen Start hier, was die Wohnungssuche betrifft.

Ach, so schlimm war's denn nun auch nicht.

Wo haben Sie denn nun eine Wohnung gefunden?

Ich wohne überm Café Baader, das ist so ein Fünfzigerjahre-Haus, die Wohnung ist für mich ideal, weil ich mir da morgens gleich meinen Cappuccino holen kann und ich kann um Mitternacht noch Penne Arrabiata essen. Um die Ecke ist die Isar, und im Theater bin in ich innerhalb fünf Minuten. Die Gegend ist eine richtige Hipster-Gegend, also, ich lebe ja auch neben einem Hipster-Laden.

Fehlt Ihnen nur noch ein kleines Hütchen, ein knappes Sakko und der Holzfällerbart...

Ich bin halt kein zeitgenössischer Hipster.

Nach den ersten paar Monaten: Wie haben Sie sich in München reingefunden?

Ich arbeite eher aus einem Gefühl der Fremdheit heraus. Das hat man ja schon beim Shabby-Shabby-Projekt gemerkt. Baumbauer ist ein Sohn der Stadt, der war hinterm Prinzregententheater aufgewachsen. Ich dagegen richte den Blick des Außenstehenden auf die Stadt. Mein Blick hat manchmal fast etwas Touristisches. Das hat manchmal Vorteile und manchmal Nachteile.

Wenn man sich die ersten Wochen anschaut: Die Kritiker waren noch nicht überzeugt. Wie würden Sie Ihren Einstand beurteilen?

Zum Beurteilen seid ihr doch da. Also, ich bin irrsinnig glücklich, ich mag die ganzen Arbeiten, die da rausgekommen sind. Beim „Kaufmann von Venedig“ zum Beispiel fand ich, dass das ein extrem riskantes Konzept ist, so ne Art von Essay darüber, wie man den „Kaufmann“ ohne Shylock spielt. Die polemische Behauptung, also den Shylock nicht einfach durch einen Schauspieler spielen zu lassen, das geht heute nicht mehr. Wie macht man daraus ein deutsches romantisches Märchen? Und ich finde, dass da unheimlich viele Sachen super aufgegangen sind. Ich mag die Aufführung total gern.

Für die Zuschauer war's unglaublich kompliziert. Wenn man vorher den Text nochmals gelesen hatte...

Das war wahrscheinlich eher hinderlich. Das glaube ich auch, dass es manchmal einfacher ist, sich der Situation zu überlassen. Worüber ich total froh war, ist, dass man eigentlich nicht gesehen hat, welche Schauspieler schon da gewesen und welche neu hinzugekommen waren. Dass es im Ensemble keine Probleme gibt, sondern dass das schön zusammengekommen ist. Man sieht aber trotzdem auf einmal sehr verschiedene Spielweisen.

Auch schon unter den Alteingesessenen. Walter Hess mit sehr subtilem Spiel, Thomas Schmauser eher ganz vorn auf der Rampe.

Klar, aber auch, was Julia Riedler als Portia spielt, das finde ich eine echte Entdeckung. Oder Niels Bormann: Ich bin echt froh, dass Nils Bormann dabei ist. Ich finde das eine extrem anregende Arbeit. Genauso der Regisseur Simon Stone und „Rocco und seine Brüder“, der in fast allem das totale Gegenteil von dem Stemann ist. Das ist in viel stärkerem Maße ein narratives Theater, das versucht, die Modernität in der Sprache zu finden. Ich habe mich auch sehr gefreut, dass sich da wieder ein junges Ensemble präsentieren konnte.

Bleiben wir mal beim Ensemble. Da waren die Befürchtungen unter den Münchnern groß, dass ihr geliebtes Kammerspiele-Ensemble sich in alle Winde zerstreuen könnte. Was hat Sie letztlich dazu bewogen, doch ungefähr zwei Drittel des alten Ensembles zu halten?

Ich hab nie was anderes vorgehabt. Ich habe immer geguckt: Welche Schauspieler kann ich produktiv integrieren? Wenn man das mit dem Start der Intendanz von Armin Petras in Stuttgart vergleicht, wo so gut wie niemand geblieben ist, dann ist das ein ganz anderes Verhalten. Man darf das Ensemble nicht unterschätzen. Die Ästhetik übermittelt sich beim „Kaufmann“ über weite Strecken eben über die Schauspieler.

Sie waren selber schon zweimal in Bayreuth, zusammen mit Christoph Schlingensief. Wie haben Sie das damals mitbekommen? Ein kontroverser „Parsifal“, ein Regisseur aber auch, der sich am Grünen Hügel aufgerieben hat.

Das war bei einer Repertoire-Vorstellung von „Tannhäuser“ und vom „Parsifal“, und das hat ihn total gefreut. Er war unheimlich stolz, mir diese Inszenierung zeigen zu können. Die Einladung nach Bayreuth bedeutete für ihn das Akzeptiertsein im extrem bürgerlichen Theaterbetrieb. Ich fand's eine extrem gute Arbeit.

Würde Sie eine Einladung in diesen Tempel der bürgerlichen Kultur reizen?

Nee, ehrlich gesagt nicht. Der Park mit diesen Büsten, der Festspielpark, der löst bei mir ambivalente Gefühle aus (mit Büsten vom NS-Bildhauer Arno Breker, Anm. der Red.). Und die Oper ist nicht meine Materie. Ehrlich gesagt würde ich lieber ein Festival in Beirut kuratieren, als Oper in Bayreuth machen.

Oper war auch bei Chrisoph Schlingensief nicht erste Wahl. Sie haben ihn ja überhaupt erst zum Theater gebracht.

Ja.

Was hat Sie an diesem Trash-Filmemacher gereizt? Welchen Film hatten Sie gesehen?

Ich hab gar nüscht gesehen. Sechs Wochen vor der Premiere war eine Inszenierung abgesagt worden. Wir haben händeringend irgendjemanden gesucht. Und da gab es im tip-Magazin diese Geschichte über „Terror 2000 - Intensivstation Deutschland“, und dass dieser Schlingensief so ein Enfant terrible sei. Aus der Not heraus haben wir gesagt, na klar, versuchen wir's mit dem.

Und, glücklich damit geworden?

Ja, total. Christoph war auf einer bestimmten Ebene mein einziger Freund. Ich mochte ihn total gerne, wir konnten supergut miteinander.

Was hat er damals für Sie inszeniert?

Auch „Terror“, also „Hundert Jahre CDU. Intensivstation Deutschland“. Beim Leporello-Text gab's den ersten Skandal: der Bundespräsident hat jüdisch-türkische Köfte gegessen und - die Öffentlichkeit war nicht amused.

Das ginge hier auch, erst recht sogar, angesichts der Dominanz der CSU. Reizt es Sie, hier gegen den Stachel zu löken?

Den Skandal habe ich hier doch schon gehabt, mit dem Interntationalen Schleuser- und Schlepper-Kongress. Da hat Herr Uhl beim LKA angerufen und darum ersucht, dass man mich aus dem Verkehr zieht. Skandale zu machen, interessiert mich überhaupt nicht. Die zehn Jahre, die ich am HAU gearbeitet habe, haben wir nicht einen einzigen Skandal gehabt. Ich fand den Skandal um den Schleuser- und Schlepperkongress interessant, weil ich auch mit der CSU gerne eine Auseinandersetzung über die Frage geführt habe, ob Schleuser und Schlepper an der Flüchtlingskrise schuld sind, oder der Krieg in Syrien, oder am Ende wir, weil wir es nicht schaffen, die Lage der Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien zu verbessern und dort für Essen zu sorgen. Ich habe selbst 2012/13 ein Jahr im Libanon gelebt und festgestellt, dass die Menschen aus Syrien vielfach gar keine andere Wahl haben, als sich an Schleuser und Schlepper zu wenden. Der Versuch der CSU, die Schleuser und Schlepper zu Terroristen zu erklären, ist grundfalsch. Da sind extrem beschissene Kriminelle drunter, aber wir zwingen die Flüchtlinge durch unsere Grenzpolitik, diesen Weg zu gehen. Daher finde ich unser Verhalten einfach bigott.

Wäre es eine Möglichkeit, den Leuten gleich noch im Nahen Osten zu helfen?

Die Bundesregierung hat ja angekündigt, dass sie gemeinsam mit der EU drei Milliarden Euro auftreiben will, um die Lage der Flüchtlinge zu verbessern. Aber das passiert eben nicht wirklich. Was immer auf diesen Konferenzen der Geberländer versprochen wird, und was dann letztlich gegeben wird – das steht auf zwei verschiedenen Blättern.

Angesichts der Entwicklungen: Wie gehetzt von den Ereignissen fühlt man sich als Theatermacher?

Ich hab gar nicht versucht, schnell zu reagieren. Im Notfall machen wir das in drei Tagen. Das ist ja hier an den Kammerspielen auch total angenehm, dass wir diesen finanziellen Rahmen haben, der es uns gestattet, innerhalb weniger Tage zu reagieren. Den Open-Border-Kongress, die Bespielung der kulturellen Räume in Bellevue Monaco, damit haben wir vor zwei Jahren angefangen.

Zusammen mit „Goldgrund“...

Ja, unter anderem. Die Leute von „Goldgrund“, das sind meine Münchner Freunde.

Die unter anderem deutlich gemacht haben, wie viel Leerstand es doch in dieser von Wohnungsnot geplagten Stadt gibt.

Durch die Arbeit von „Goldgrund“ hat sich OB Reiter der Aufgabe angenommen, den Leerstand auch mal zu verringern.

Sie waren lange Jahre Wegbegleiter auch von Frank Castorf, der in Bayreuth den „Ring“ inszeniert und dafür seit drei Jahren regelmäßig und zuverlässig Buhs über sich ergehen lassen muss. Verfolgen Sie ab und an die Arbeiten alter Weggefährten?

Klar, natürlich schau ich mir immer wieder neue Arbeiten von Frank Castorf an, die ich großartig finde in ihrer polemischen Kraft.

Was halten Sie davon, dass ein Museumschef wie Chris Dercon Frank Castorf in der Volksbühne nachfolgen wird?

Es ist zumindest ein sehr ernsthafter Versuch der Stadt, ein extrem gut ausgestattetes Kulturinstitut hinzustellen, das aus einem Kino, einem Theater und einem Riesen-Hangar auf dem Tempelhofer Feld besteht, der Versuch, da eine andere Synthese von Kino, Performance und Kunstinstallationen hinzubekommen. Und dazu bietet das Projekt extrem großen Raum. Chris Dercon kann extrem viele unterschiedliche internationale Menschen sehr gut zusammenbringen.

Dercons Nachfolger hier in München haben Sie ja auch schon kennengelernt.

Okwui Enwezor, ja. Den hatte ich aber schon in Beirut kennengelernt. Wir arbeiten in München super zusammen und ich finde seine Ausstellungen großartig.

So klein ist die Welt...

Beirut war sozusagen meine Vorbereitung auf den Glamour von München. Es wird immer noch investiert wie Sau, es ist ja auch viel vagabundierendes Geld in dieser Region vorhanden. Und da kann man halt Großprojekte hochziehen, ohne sich vom Human Factor der Flüchtlinge allzu sehr stören zu lassen.

Den Kontrast zwischen Arm und Reich gibt es, wenn auch nicht so krass, auch in München. Sie wollen mit ihrem Theater in die Stadt hineinwirken, auch Ungerechtigkeit thematisieren. Ist der Standort hier an der Maximilianstraße eher Vorteil oder doch Nachteil?

Prinzipiell hätte ich liebend gerne eine kleine Garage in Untergiesing oder im Schlachthofviertel, um auch Theater mit einem anderen Vorprogramm machen zu können. Aber hier an der Maximilianstraße hat man halt auch sofort den nötigen Kontrast. Und es ist an den Kammerspielen ein riesiger Vorteil, dass Probebühnen, Spielstätten, Werkstätten, Büros, dass alles zusammen quasi mitten an der Champs d'Elyses liegt. Und der Lehrling aus der Schlosserei steht zusammen mit dem Hauptdarsteller in der Kantine an. Weil hier alles zusammen ist, fördert das eine sehr direkte Kommunikation. Dass Dieter Dorn das durchgesetzt hat, ist absolut Gold wert. Das ist absolut großartig. Diese ganzen Kosten- und Effizienzrechnungen, wonach es besser ist, die Werkstätten an den Stadtrand zu verlegen und damit Geld einzusparen, gehen in der Richtung nicht auf, dass eben ein Teil der Belegschaft dann nicht mehr dicht dran ist. Die direkte Identifikation der Mitarbeiter mit dem Theater bringt einen dermaßenen Vorsprung an Qualität! Die Menschen machen es, dass sich diese viel zu teuren Immobilien dreifach bezahlt machen. Das war ein generöser Akt der Stadt München.

Wie lange werden Sie bleiben?

Ich habe einen Vertrag auf fünf Jahre, und nach den ersten zweieinhalb Jahren überlegt die Stadt, überlegt der Kulturreferent und überlegt der Matthias Lilienthal, ob es gut und lustig ist, zusammen weiter zu arbeiten. Ich habe am Hebbel am Ufer immer Drei-Jahresverträge gemacht, andererseits war ich am HAU zehn Jahre, an der Volksbühne zehn Jahre. Ich bin, glaube ich, ein langfristigerer Mensch. Aber vielleicht wollen die mich ja nach zwei Jahren schon wieder loswerden (lacht).

Veröffentlicht am: 27.11.2015

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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