Interview mit Kuratorin Annegret Hoberg zur Kandinsky-Klee-Ausstellung im Lenbachhaus

"Da sitzt was in der Seele"

von Christa Sigg

Klee und Kandinsky in Dessau, 1927. Foto: Nina Kandinsky. Bibliothèque Kandinsky, Centre Georges Pompidou

Sie waren Freunde und Konkurrenten zugleich. Nun ist den Künstlern Paul Klee und Wassily Kandinsky im Lenbachhaus eine umfassende Ausstellung gewidmet. Man ist sich grün, tauscht sich aus, inspiriert sich gegenseitig – das führt in Künstlerkreisen oft zu wunderbaren Ergebnissen. Im Frühjahr war das in der Ausstellung zu Franz Marc und August Macke zu sehen. Mit Kuratorin Annegret Hoberg sprachen wir über Farbbäder, Teezeremonien, Karrierekicks und -knicks. Die Kunsthistorikerin aus Düsseldorf arbeitet  seit 1987 als Kuratorin am Lenbachhaus, wo sie die Sammlung des Blauen Reiter betreut. Sie zählt zu den wichtigsten Expertinnen der Künstlervereinigung.

 

Frau Hoberg, Sie haben es diesmal mit einer echten Langzeitbeziehung zu tun.

Den Freunden Marc und Macke blieben nur vier Jahre, bei Klee und Kandinsky waren es fast 30 Jahre – von 1911 bis 1940. In dieser langen Zeit haben die beiden nicht nur einen großen stilistischen Wandel durchgemacht, man muss ja genauso die historischen Veränderungen und die zwei Weltkriege sehen.

Obwohl sich die beiden so lange kannten, scheint das Verhältnis nicht so ungezwungen.

Und auch nicht so herzlich wie bei Marc und Macke. Klee und Kandinsky sind zeitlebens beim Sie geblieben. Doch trotz dieser gewissen bürgerlichen Distanz fühlten die beiden eine große Verbundenheit. Sie haben sich ja auch künstlerisch sehr aufeinander bezogen. Das zeigt die Ausstellung selbst für Kenner in überraschendem Maße.

Dabei waren die Unterschiede ganz ordentlich.

Wassily Kandinsky "Kochel-Gerade Straße", 1909. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau

Kandinsky war immerhin 13 Jahre älter als Klee. Die beiden haben sich 1911 in Schwabing kennengelernt. Sie waren ja nicht erst in Dessau am Bauhaus Nachbarn, sondern bereits in der Ainmillerstraße. Kandinsky wohnte auf der Nummer 36, Paul und Lily Klee mit ihrem kleinen Sohn Felix auf der 32.

Damals hatte Klee die Hände nicht unbedingt frei für die Kunst.

Im Tagebuch schreibt er sinngemäß: „Mit der einen Hand Spaghetti gekocht, mit der anderen gezeichnet“. Klee, der 1906 nach München gekommen ist, war ja auch Hausmann, seine Frau Lily verdiente mit Klavierunterricht den Familienunterhalt. Er hat damals still und einsam vor sich hingezeichnet und aquarelliert. Bis 1911 ist da nicht viel passiert, und trotzdem schrieb Kandinsky an Franz Marc, dass bei Klee „was in der Seele sitzt“. Er hat die Begabung sofort erkannt, genauso, dass da ein ihm intellektuell ebenbürtiger Künstler war.

Und Klee?

War genauso begeistert von Kandinsky, schwärmte in seinen Tagebuchnotizen: „Er ist wer und hat einen ausnehmend schönen klaren Kopf“. Für Klee brachte diese Begegnung den Karrierekick, denn Kandinsky hat ihn zur zweiten Ausstellung des Blauen Reiter eingeladen: mit 17 Werken! Das war dessen erster großer Auftritt in der Öffentlichkeit. Kandinsky befand sich damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere, wahrscheinlich seines Lebens überhaupt. Und das hat sich im Laufe der Freundschaft dann umgekehrt.

Wie hat der erfahrene Kandinsky den jungen Klee inspiriert?

Klee hat auf der legendären Tunis-Reise mit August Macke den Ausspruch „Die Farbe hat mich“ getan. Wir zeigen, dass er genauso durch Kandinskys Bilder zur Farbe angeregt wurde. Der Mut zur Farbe war also schon vor der Reise da.

Bleibt Klee bei aller Farbe nicht doch Grafiker?

Sicher, da ist immer die Betonung der Linie, da gab es nicht diesen malerischen Eklat, dieses Temperament, wie wir es von Kandinsky kennen. Trotzdem ist Klee in den späten Weltkriegsjahren wirklich zum Maler geworden, bereits 1920 hatte er in der Galerie Goltz eine riesige Retrospektive mit über 360 Werken. Bald darauf sind allein drei Monografien über ihn erschienen. Bis weit in die 50er Jahre war Klee der viel bekanntere Künstler, Kandinsky hat es immer schwerer gehabt.

Auch wegen der entschiedenen Hinwendung zur Abstraktion?

Leider ja. Nur am Bauhaus, wo beide Künstler gelehrt haben, war seine abstrakte Kunst auf der Basis geometrischer Formen angesagt. Als Kandinsky 1933 nach Paris emigrierte, ging der ganze Kampf von vorne los. Denn da waren die Kubisten und Surrealisten en vogue.

Klee hat an der Natur festgehalten.

Und gerade Pflanzen spielen bei ihm eine große Rolle. Bei Kandinsky stehen dagegen die autonomen Formen im Zentrum. Allerdings haben sich beide als Schöpfer eines eigenen künstlerischen Universums betrachtet.

Wie waren die beiden denn als Lehrer am Bauhaus?

Paul Klee "Harmonie der nördlichen Flora", 1927. Zentrum Paul Klee, Bern, Schenkung Livia Klee

Kandinsky war eloquent, charismatisch und viel mitteilsamer als Klee. Der ging nur durch die Klasse und hat hie und da ein bisschen korrigiert. Einmal kam er erst Wochen später aus den Ferien, weil er auf Korsika gemalt hat. Die eigene Kunst war dem sehr introvertierten Klee einfach wichtiger. Im Tagebuch lernt man übrigens einen sehr selbstbewussten, beinahe eitlen Künstler kennen. Klee wusste von Anfang an, dass was aus ihm wird.

Die beiden wohnten in Dessau Tür an Tür.

Walter Gropius ließ für die Bauhaus-Lehrer so genannte Meisterhäuser bauen – man nannte sich Meister, nicht Professor. Klee und Kandinsky gingen in dieser Zeit oft spazieren, wir haben diese schönen Aufnahmen, wo sie beim Tee im Garten sitzen und philosophieren. Auch für die Ehefrauen Lily und Nina war das die glücklichste Zeit. Die Vier haben jedes Jahr im Mai einen Ausflug nach Wörlitz gemacht, bei Klees wurde Weihnachten gefeiert, bei Kandinskys Neujahr, es gab Grammophonabende, man spielte Boccia…

Nach der langen, schwierigen Beziehung zu Gabriele Münter hat Kandinsky relativ schnell das 27 Jahre jüngere Püppchen Nina geheiratet.

Und Klee schreibt süffisant „Frau Kandinsky geht noch nicht mal in Weimar im Park spazieren, aus Angst, eine Mücke fliegt ihr augwärts“. Nina war schon eine Prinzessin auf der Erbse, aber sie ließ Kandinsky in seiner Welt. Die beiden waren fast nie getrennt. Doch wenn Sie sich Kandinsky anschauen, dann trägt er im Alter einen immer größer werdenden Panzer um sich.

Böse gesagt sah er aus wie ein Elefant.

Ich glaube, er hat sich abgeschottet. Aber Nina war ihm treu ergeben. Die Albernheiten nach dem Tod, die Juwelen, die sie sich umgehängt hat, nun ja. Immerhin schrieb sie ein Erinnerungsbuch über ihn.

Nina begleitete ihn ja auch in die Emigration.

Da ereilt Klee und Kandinsky wieder dasselbe Schicksal – beide sind für die Nazis „entartete“ Künstler. Kandinsky floh 1933 nach Paris, Klee hat gleichzeitig seine Professur in Düsseldorf verloren und ging mit Lily nach Bern ins Elternhaus zurück. Beim Abschied fällt der berühmt gewordene Spruch „Meine Herren, es riecht in Europa bedenklich nach Leichen“.

Da wir schon beim Thema NS-Zeit sind: Was ist eigentlich mit Paul Klees „Sumpflegende“, die 1937 von den Nazis aus dem Museum Hannover beschlagnahmt wurde?

Das Gemälde hängt weder in der Schausammlung, noch kommt es jetzt in die Ausstellung. Das Lenbachhaus und die Gabriele Münter-und Johannes Eichner-Stiftung würden eine einvernehmliche und faire Lösung über den Verbleib des Bildes in unserer Sammlung sehr begrüßen.

Klee war sehr krank, wie hat sich das auf sein Werk ausgewirkt?

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz machen sich um 1934 erste Anzeichen einer schweren Sklerodemie bemerkbar (Anm.d.Red.: seltene Autoimmunkrankheit, die mit einer Verhärtung des Bindegewebes einhergeht). Klee durchlebt eine schwierige Phase bis ihn Kandinsky 1937 in Bern besucht. Nach dieser letzten Begegnung gerät er in den drei verbleibenden Jahren bis zu seinem Tod in einen wahren Schaffensrausch. Es entstehen fast zweitausend Werke, darunter die berühmten „Engelbilder“.

Die Ausstellung „Klee & Kandinsky. Nachbarn, Freunde, Konkurrenten“ läuft bis 24. Januar 2016 im Kunstbau des Lenbachhauses – jeweils Di bis So 10 bis 20 Uhr. Das Lenbachhaus hat an allen Feiertagen und Montagen durchgehend bis einschließlich So, 10. Januar 2016 geöffnet. An Silvester Do, 31. Dezember, 2015 ist es von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Veröffentlicht am: 28.12.2015

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