Matteo Garrones "Märchen der Märchen" auf DVD

Triumph des analogen Ausstattungskinos

von kulturvollzug

Märchenhaft pure Künstlichkeit. Foto: Concorde Filmverleih GmbH

Filmregisseur Matteo Garrone macht in Märchen? Das ist zumindest überraschend. Der Mann, der 2008 mit seiner Verfilmung des literarischen Bestsellers „Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra“ auf einen Schlag bekannt wurde und in Cannes dafür den „Grand Prix du Jury“ einheimste, hatte sich an eine zeitgemäße Adaption einiger Märchen aus Giambattista Basiles´ berühmter Novellensammlung („Pentamerone“) gewagt. Nun erscheint der Abschlussfilm des letztjährigen Filmfest München auf DVD und Blu-ray.

Italienischer Autorenfilmer und bekannte Novellenzyklen: Da war doch was? Schon zu Beginn der frech-frivolen 1970er Jahre widmete sich der große Pier Paolo Pasolini in seiner „Trilogie des Lebens“ (1970-1974) dem populärsten Genre der internationalen Literaturgeschichte: Dem Märchen in all seinen Facetten. Ob mündlich tradiert – oder hinter vorgehaltener Hand weitergegeben. Ob erquickend für Jung und Alt oder allein für Spezialisten geschrieben. Das ist und war bis heute eine Frage der subjektiven Einstellung des Lesers, Zuschauers, beziehungsweise Hörers, eben jener mirakulösen Geschichten und Geschichtchen, die schon damals nicht unbedingt sittsam und übergelehrig daherkommen mussten, wie man das später auch noch in Ansätzen aus der Tradition des Kunstmärchens heraus kennt, etwa bei Goethe.

Ähnlich anspielungsreich – und gar nicht unentwegt jugendfrei – hielten es auch die bereits zu Lebzeiten hoch erfolgreichen Gebrüder Grimm aus Hessen, deren Märchensammlung heute noch so gut wie in jedem Kinderzimmer steht. Wenn das die Eltern wüssten... Aber dazu müssten sie ja den Kleinen erst einmal wieder vorlesen, aber das ist eine andere Geschichte...

Gar nicht so verschieden von den höchst vitalen, mitunter brutal-derben, aber stets intellektuellen Zauberspäßen Pasolinis wie im Falle Pasolinis („Il Decamerone“, „I racconti di Canterbury“, Il fiore delle mille e una notte“), legt auch Garrone seine Märchen-Adaption an: Blanke Busen gibt es hier ebenfalls zuhauf, edle Herren wie Damen ebenso. Ein Oger hier, ein Fabelwesen da, fertig ist das Film-Märchen in der FSK-18-Version. Dazu garniert mit internationaler Besetzung, unter anderem mit Salma Hayek, Toby Jones, Vincent Cassel, Alba Rohrwacher und John C. Reilly) - ist „Das Märchen der Märchen“ also am Ende eine Art „Tolldreiste Geschichten 2.0“?

Furchterregend schön. Foto: Concorde Filmverleih GmbH

Nein, so leicht ist es dann doch nicht mit diesem Monstrum von einem Film. Denn Garrone erstarrt zu Beginn seiner „Unendlichen Geschichte“ gleich mehrere Male in purer Künstlichkeit. Das Seeungeheuer in einer der lose und bewusst ohne Klammer zusammengehaltenen Episoden wirkt fast schon zärtlich-niedlich – und bleibt wenig furchteinjagend. Ähnlich ergeht es einer zwar tadellos animierten, aber seltsam unlebendig wirkenden Riesenlaus, die am Hofe eines grotesken Harlekin-Königs (herrlich: Toby Jones) quasi in dessen Schoße aufwächst.

Gerade hier hätte Garrones großes Film-Team – der Abspann listet zig Mitarbeiter auf, was zudem im tatsächlich spannenden Making of als Bonusmaterial zu bestaunen ist – ruhig noch mehr auf Handgemachtes setzen können. Der manchmal zu tiefe Griff in die animierte Filmtrick-Kiste schadet dem ambitionierten Euro-Pudding-Projekt (Italien, Frankreich, Großbritannien 2015) teilweise mehr, als dass es ihm nützt.

Dagegen kann Garrones gleichsam gruseliger wie grotesker Märchenreigen gerade mit einem starken Schauspielensemble reichlich punkten: Frankreich-Export Vincent Cassel („Irréversible“) in einer seiner weiteren, Entschuldigung!, Drecksau-Rollen, diesmal als sexbesessener König. Salma Hayek als überirdisch schöne, aber herzlose Königin im ebenso überirdisch schönen, aber bedrohlich weiß getäfelten Festsaal: Vor ihr liegt das blutige Herz eben jenes erlegten Unterwassermonsters, das sie gierig verschlingt, dass das Blut nur so spritzt. Diese fulminant kadrierte Einstellung von David Cronenbergs „Stammauge“ Peter Suschitzky (Kamera) hätte sogar Stanley Kubrick, dem größten Innenarchitekten auf dem Regiestuhl der Filmgeschichte, Tränen der Rührung in die Augen getrieben: So perfekt sieht europäisches Kunst-Kino selten aus!

Neben dem prächtigen Cast, aus dem auch der italienische Shootingstar Alba Rohrwacher als sichtlich verrückte Zirkusgesellin wacker heraussticht, ist „Das Märchen der Märchen“ in erster Linie ein Triumph des analogen Ausstattungskinos, das die für gewöhnlich blutarme, meist vollkommen digitale Hollywood-Maschinerie im Bereich Kostüm und Maske aus unzähligen Walt-Disney-Produktionen (wie zuletzt etwa Kenneth Branaghs „Cinderella“) nachhaltig aussticht.

Und Detailverliebtheit allerorts im wundersamen Setdesign (Dimitri Capuani): Deutsche Kaiser-Barbarossa-Romantik hier, irische Feenwelten da. Dazu jede Menge feinster Roben Made in Italy. Hier wird – filmhistorisch gesehen – in einer Zwölf-Millionen-Euro-Produktion von heute noch einmal das strahlende Leuchtfeuer früherer, ausufernd prächtiger Cinecittà-Streifen angefacht.

Auf diese Weise gelingen Garrones Mannschaft viele betörende Stillleben, die den realen Schauwert des Films mehrfach ins Maximum hieven und dabei den Vergleich zu „Game of Thrones“ erst gar nicht suchen: Warum auch? Für „Das Märchen der Märchen“ wurde schließlich ein ganz eigener Film-Look kreiert, der in Garrones Regie auch exaltiert zur Schau gestellt wird: Manierismus 2.0 trifft es vielleicht dann schon besser.

Kein Wunder, wenn man weiß, dass der Filmemacher selbst von der Malerei zur Kamera gekommen ist. Dafür mag es stehen: Dieses europäische, hochkulturell grundierte Kunsterbe seit Beginn der Renaissance, weshalb beispielsweise Michael Ballhaus – der deutsche Weltstar hinter der Kamera – in den USA oft mit dem blasierten Attribut „arty european artist“ gebrandmarkt wurde.

Nein, nein: Es war schon gut – und letztlich nur konsequent, dass Garrones inhaltlich sicherlich etwas dünner, ästhetisch jedoch stark ausgefeilter Kunst-Kino-Konzept-Film eben gerade nicht im amerikanischen Studiosystem entstanden ist. Da wäre es ihm schnell selbst wie dem Herzen des Seebiests ergangen... Achtung: Frisches Produzentenfutter im Anmarsch... Mmmh, aus Bella Italia...

Alexandre Desplats unheilvolle Zauberklänge, die zwar anfangs schlicht in der Melodieführung daherkommen, sich aber ebenso rasch wie irreversibel in den Ohrkanälen der Zuschauer einnisten, sorgen obendrein gekonnt für den Kitt in Garrones insgesamt komisch-grausamer Märchenstunde, auf deren DVD-Cover überraschenderweise FSK 12 steht. Pastellfarbene Kitschbonbons werden jenseits des Atlantiks erschaffen, hier regiert die englische „gothic novel“-Fantasie: Kein roter Faden, nirgends. Und wenn sie nicht gestorben sind... dann morden sie noch heute.

Simon Hauck

 

Veröffentlicht am: 24.03.2016

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