70 Jahre "Meitinger-Plan" für München

Rettung der Ruinenstadt

von Karl Stankiewitz

Screenshot aus dem Film "Flug über München, 1945" von der Wikipedia-Seite https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriffe_auf_M%C3%BCnchen#Sch.C3.A4den

Das neue München wurde vor 70 Jahren im 6. Stock des alten Hochhauses an der Blumenstraße geplant. Vom Februar bis zum Mai 1946 arbeitete Stadtbaurat Karl Meitinger an seinen „Vorschlägen zum Wiederaufbau“. Schon während des Krieges hatte er einige Gedanken dazu niedergeschrieben, sagt sein Sohn Otto Meitinger dem Kulturvollzug. Bei der endgültigen Fassung, die Oberbürgermeister Karl Scharnagl am 14. August 1946 dem Stadtrat vorlegte, musste er sich auf 64 Seiten beschränken. „Für ein umfassenderes Dokument reichte die Papierzuteilung der amerikanischen Militärregierung nicht“, verrät heute der 87jährige Architekt und Denkmalpfleger Otto Meitinger, der für den Wiederaufbau der Residenz verantwortlich und acht Jahre lang Präsident der Technischen Universität war.

Die Denkschrift ist gewissermaßen der geistige Grundstein der heutigen Stadt, die zwar neue Räume erschlossen, in ihrem Kern aber die Gestaltung des 14. Jahrhunderts bewahrt hat. Und sie war eine entscheidende Rettungsaktion. Bei aller gebotenen Sachlichkeit blieb der am 1. Juli in den Ruhestand gehende Stadtbaurat nicht frei von Emotionen. Der „große Schadensfall“ ließ ihn schier verzweifeln: „Schmerzerfüllt stehen wir vor den Trümmern unserer Altstadt... Es ist fast alles zerstört.“ (Tatsächlich war das historische Zentrum zu 90 Prozent den Bomben zum Opfer gefallen, die Bausubstanz Münchens insgesamt zu 45 Prozent vernichtet; trotz anhaltender Evakuierung fehlten 120.000 Wohnungen.)

Es ergebe keinen Sinn, diese Stadtruine an Ort und Stelle wiederaufzubauen, hatten 1945 nicht wenige Politiker und Leute vom Bau gemeint. Zumindest die Kernstadt mit ihren wichtigsten Funktionen – Dienstleistungen und Einkaufen – könnte ins Kasernenviertel verpflanzt werden, so einer der Expertenvorschläge. Die Reste der einst schönsten Gebäude sollten konserviert und in einer Artarchäologischem Park erhalten werden, ähnlich dem Forum Romanum in Rom.

Der Architekt Bodo Ohly, der schon in den 20er Jahren einen Ring von Hochhäusern entworfen hatte, schrieb im Monatsorgan der CSU: „Es mag utopisch klingen, aber eines Tages dürfte es sich als die schnellste und produktivste Belebung der Wirtschaft erweisen, eine neue Stadt zu gründen, ohne den erforderlichen Abriss von Ruinen.“ Als Standort für ein solches Neu-München favorisierten einige Politiker quer durch die neuen Parteien die noch unbebauten Uferlandschaften des Starnberger Sees.

Als langjähriger Stadtbau-Verantwortlicher, der vom Größenwahn der Nazis nicht infiziert war, hielt Karl Meitinger den Stadtverpflanzern einfach nur vor, „dass man nicht ohne weiteres den Großteil des Stadtgefüges aufheben kann“. Denn ebenso wertvoll wie die dem Auge sichtbaren Baulichkeiten sei das, was unter dem Boden verborgen sei: Kanäle, Wasser-, Gas-, Starkstrom-, Schwachstrom-, Telefonleitungen, deren Hausanschlüsse, Straßenbahnunterbau und Befestigungen. Die bevorstehenden Aufgaben seien ohnehin riesengroß und könnten erst im Verlauf einiger Jahrzehnte gelöst werden.

Meitinger teilte die Stadt in vier Zonen ein: Altstadt, mittlere Kernstadt, äußere Kernstadt, aufgelockerte Randstadt. Außerdem dachte der Planer bereits an „Trabantenstädte“, die dort gegründet werden könnten, „wo das Anwachsen einer Stadt doch nicht verhindert werden kann“. Zunächst aber sollten die bestehenden acht Kreisstädte rund um den „Großwirtschaftskörper“ München den Charakter eigener Siedlungsstädte bekommen.

Überall in der Stadt sollte viel Raum frei bleiben. „Wir werden immer auf eine schmale Ernährungsbasis gestellt sein und müssen breite Gürtel von Heimgärten und Gemüseland vorsehen.“ Was einmal gebaut sei, bringe man so leicht nicht weg. Jetzt böten die großen Zerstörungen eine nie wiederkehrende Gelegenheit, die Fehler der letzten hundert Jahre wieder gutzumachen.

Außer einem 50 bis 70 Meter breiten Park- und Verkehrsring, der einmal den „übermächtigen Großlastverkehr“ von der Innenstadt abfangen soll, schlug Meitinger eine mittlere und eine äußere Ringstraße vor, durch die acht Ausfallstraßen miteinander verbunden werden sollten. An den Schnittstellen von Überlandstraßen und Ring sollten Autohöfe und Reparatur-, Einstell- und Tankmöglichkeiten sowie Gaststätten für Lastwagenchauffeure entstehen.

Zwischen dem alten und einem neuen Hauptbahnhof stellte sich Meitinger einen Geschäfts- und Repräsentationsplatz vor, der zehn Mal so groß wie der Marienplatz sein könnte. Auch an anderen Innenstadtstraßen seien, dicht am Verkehr mit Aussicht auf hervorragende Baudenkmale, stille Plätzchen zu schaffen, wo man „das Heimelige dieser Stadt genießen kann“. Für die Fußgänger seien außerdem Traversen mit Ruheinseln und womöglich unterirdischen Überquerungen zu schaffen. Einerseits empfahl Meitinger auch Hochhäuser am Ring, andererseits träumte er von Laubengängen, Erkern, Türmchen, von „netten Läden“ für Korbmacher, Sägfeiler und andere eher mittelalterliche Handwerke.

In einer Ausstellung „Der Wiederaufbau Münchens“ im Juli 1946 schlugen Architekten weitere mehr oder weniger realistische Lösungen vor. Der radikalste stammte von Franz Xaver Holzbauer. Er wollte die Innenstadt in monofunktionale Zonen einteilen und den Karlsplatz mit dem verschobenen Hauptbahnhof durch eine Hochhausstraße verbinden. Die meisten anderen Vorschläge verwies der Architekturkritiker Hans Eckstein, später Direktor der Neuen Sammlung, „zurück zum Biedermeier“.

Als tonangebend beim Wiederaufbau erwiesen sich denn auch die Traditionalisten. Die Denkmalpflege rangierte vor jeglicher Moderne. So empfahl Georg Lill, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege, dass zerstörte Gebäude grundsätzlich „im alten Stil“ sowie „in gleichem Material und in alter Technik“ aufgebaut werden sollten. Vor allem in der Altstadt sei es nicht angemessen, „die alten Formen durch neue zu ersetzen“. Dies entsprach voll und ganz der erklärten Auffassung des ersten, wie Meitinger reaktivierten Oberbürgermeisters Karl Scharnagl – und der Meinung der Bevölkerungsmehrheit.

Es dauerte denn auch seine Zeit, bis die weitsichtigen Vorschläge von Professor Meitinger – sogar eine baldige U-Bahn-Trasse regte er an  - in einen großen Stadtentwicklungs- und einen Gesamtverkehrsplan einflossen. Umgesetzt wurden diese Leitlinien ab 1963 vom Stadtbaurat Herbert Jensen, den der junge Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel aus Kiel angeworben hatte. Vogel war damals der deutsche Wortführer für eine systematische Innenstadtförderung, womit er dem (nicht nur in München drohenden) „breiartigen Auseinanderlaufen der Stadtstrukturen“ vorbeugen wollte. Erst 1983 wurde die Altstadt unter Ensembleschutz gestellt.

Über aktuelle Probleme der Innenstadtplanung informiert eine vom Stadtheimatpfleger Gert F. Goergens kommentierte Ausstellung, die am 10. März in der Lokalbaukommission eröffnet wurde. An vielen Beispielen wird hier verdeutlicht, inwieweit sich die Leitideen in der Stadt- und Verkehrsplanung gerade in jüngster Zeit fortgeschrittenen Ansprüchen angepasst haben, ohne die von Karl Meitinger vorformulierten Prinzipien für „das neue München“ aufzugeben.

Ein vom Landesamt für Denkmalpflege redigierter und illustrierter Nachdruck des „Meitinger-Plans“ ist 2014 im Volk Verlag erschienen. Über den geplanten und den realisierten Wiederaufbau Münchens berichtet Karl Stankiewitz in „München – Stadt der Träume“ (Schiermeier Verlag, 2005)) und „Nachkriegsjahre“ (edition buntehunde, 2006). Die Ausstellung „Leitlinien zum Bauen im Altstadtensemble“ in der Lokalbaukommission an der Blumenstraße 19 ist noch bis 29. April 2016 geöffnet.

Veröffentlicht am: 28.04.2016

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