Saisoneröffnung am Bayerischen Staatsballett

Giselle, die neue Weltklasse

von Isabel Winklbauer

Natalia Osipova und Sergej Polunin tanzen um Albrechts Leben. Foto: W. Hösl

Sergej Polunin gilt derzeit als der beste Tänzer der Welt. Zur Wiederaufnahme von "Giselle" holte Ballettdirektor Igor Zelensky den gut aussehenden Popstar nun erstmals ans Bayerische Staatsballett – er ist in Zukunft ständiger Gast. Trotzdem wurde die Premiere ein Abend der Frauen. Polunins Partnerin Natalia Osipova brillierte als Jahrhundert-Giselle, Séverine Ferrolier erfand eine völlig neue Mutter Berthe. Gemeinsam erschuf das Ensemble eine große, ergreifende Geschichte.

Es ist schon etwas Besonderes, wenn Sergej Polunin die Bühne betritt. So schlank er auch ist, so schmal sein androgynes Gesicht mit dem Bad-Boy-Lächeln, er nimmt den Raum sofort für sich ein. Die Rolle des Albrecht steht ihm: Ein junger Mann, der nicht weiß, was er will, außer, seinen Leidenschaften nachzugeben, der schließlich auf gefährliches Terrain gerät, durch Liebe gerettet wird und endlich ein richtiges Leben beginnt. Polunin selbst schmiss sein Engagement am Royal Ballet hin, flirtete mit Film und Fernsehen, bis ihn Igor Zelensky für sein Moskauer Stanislawsky-Theater und Natalia Osipova für den Tanz zurückgewannen. Nun schreitet der berühmte Ukrainer also über die Bühne des Nationaltheaters, mit vollendeter Eleganz und jungenhafter Freude über die eigene Bewegungslust. Das ist das Schöne an Polunin: Er hat sich noch keine Rüstung aus Populärgesten zugelegt. Wenn Myrtha – die ihn ja zu Tode tanzen will – ihn mit Entrechats über 16 Takte quält, legt er diese unter dem Applaus des Publikums mit Bravour hin und erlaubt sich dabei auch ein zunehmend angestrengtes Gesicht. Klar, Albrecht leidet. Seine Sprünge, seine Attitüden sind ein Spektakel, keine Frage. Ein wenig sitzt Polunin an diesem Abend aber auch die Sommerpause noch in den Knochen. Manche Landungen sind hart, die Pirouetten-Endungen gelegentlich abenteuerlich – aber was macht das schon, bei so einem Astralkörper?

Wilis schwirren betörend gegenläufig über den Friedhof. Foto: W. Hösl

Das Zusammenspiel von Osipova und Polunin ist ein Segen für das Stück, wie immer, wenn Tänzer auch im echten Leben ein Paar sind. Osipova, den Münchnern bestens bekannt als Kitri, erreicht in dieser Paarung eine künstlerische und technische Brillanz, wie sie in München sehr selten zu sehen ist. "Giselle" gab es an der Isar nahezu zehn Jahre lang nicht mehr, einen zweiten Akt wie diesen vermutlich 150 Jahre nicht. Osipovas Relevés sind Sprünge, ihre Sprünge sind Flüge, ihre Arabesken perfekte Illustrationen des Kampfes um Tanz, Liebe, Leben und Tod. Sie ist das Kraftwerk und die Seele der Vorstellung, voller Frohsinn und Optimismus. Ihr zur Seite spielt Séverine Ferrolier im ersten Akt eine sehr jugendliche, liebevolle Mutter Berthe. Diese Frau versteht ihre Tochter, hat vor nicht allzu langer Zeit noch selbst geliebt und schäkert mit Hilarion (Matej Urban), dem möglichen Schwiegersohn. Eine starke Mutter-Tochter-Beziehung, innerhalb der Giselle noch jünger und zerbrechlicher wirkt, bereichert damit die Geschichte.

Mit der süßen Myrtha (Prisca Zeisel) ist nicht gut Kirschen essen. Foto: W. Hösl

Auch im Corps de Ballet geht es emotional zu, es ist eine freudig-aufgeregte Aufbruchstimmung bemerkbar. Die neu zusammengestellte Truppe ist technisch top in Form, nur noch etwas laut – beim Auftritt der Wilis zu Beginn des zweiten Akts verursachen die Schuhe über längere Zeit einen Radau wie Kugeln in einer Pool-Billard-Halle. Was allerdings auch an einer wild gewordenen Nebelmaschine liegen konnte, die Tanz nach Sicht für einige Minuten verhinderte. Prisca Zeisel, neu als sprungfreudige Demi-Solistin, hat es mit ihrem lieblichen Aussehen etwas schwer als Myrtha. Durch eine eisige Haltung und Augenblitze entwickelt sie die Königin der enttäuschten Geisterbräute aber doch noch als brandgefährliche Zicke. Im Corps folgen ihr die Damen, ähnlich selbstbewusst, nur widerwillig. Schön, dass Könnerinnen wie Alisa Bartels und Alexa Tuzil und auch Glanzlichter im Demi-Solo, wie Mai Kono und Mia Rudic, den Direktionswechsel überstanden haben. Nur Joana de Andrade hinterlässt eine riesige Lücke.

Jubel für die Weltstars. Foto: I. Winklbauer

In sieben weiteren Vorstellungen stellen sich demnächst auch die anderen neuen Ersten Solisten des Staatsballetts vor. Vor allem auf den Kubaner Osiel Gouneo darf man gespannt sein. Wie immer andere Besetzungen den Klassiker mit Leben füllen mögen, diese gekürzte, um viele Gesten erweiterte und von Sir Peter Wright persönlich einstudierte "Giselle" besitzt Verve und Charme. Sie ist die beste Spielzeiteröffnung, die ein neuer Ballettdirektor hatte wählen können.

Veröffentlicht am: 26.09.2016

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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