Herbert Nauderer entführt im Kallmann-Museum in eine rätselhafte Welt

Neue Fragen im Mausmannsland

von kulturvollzug

Parasite Island_Zimmer 245 (2015/16), c-print 170x250cm Foto: Herbert Nauderer, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Bekanntlich beziehen sich die Ausstellungen im Kallmann-Museum in Ismaning immer irgendwie auf das Oeuvre seines Initiators Hans Jürgen Kallmann, der sich vor allem mit seinen Menschen- und Tierbildern sowie seinen Landschaften einen Namen gemacht hat. Allerdings hat er nie mehrere verschiedene Motive gemeinsam ins Bild gesetzt, vielmehr konzentrierte er sich immer auf einen Gehalt. Ganz anders Herbert Nauderer, er kreierte eine Kunstfigur, halb Mensch halb Tier, die in einem klar abgegrenzten Land lebt. Im Vergleich wirkt das so, als ob Nauderer Kallmanns Genres zu einer Ganzheit gebündelt hätte.

Jedoch konzipierte er die Schau nicht eigens für diese Ausstellung, das „Mausmannsland“ ist bereits seit vier Jahren sein Thema, unter dem er inzwischen mehrere Ausstellungen einrichtete.

Dieser Mausmann hat einen menschlichen Körper, der eine schwarze Maske trägt, deren Silhouette zwar an Micky Maus erinnert, aber keinerlei comichafte Heiterkeit ausstrahlt. Vielmehr fungiert er als Metapher für den Menschen an sich, für sein Sehnen und Scheitern in einem permanenten Kreislauf. Zu allem Unglück ist sein Lebensraum äußerst begrenzt, er bewegt sich lediglich in einem Haus, das für ihn regelrecht zur Falle wird. Dort herrscht eine bedrückende Atmosphäre des Alleinseins und der unterschwelligen Aggression, der Trostlosigkeit und auch des sich Belauerns und Verachtens. Die Kommunikation beschränkt sich auf Heuchelei und falsche Versprechungen. Dementsprechend spielen sich mysteriöse und absurde Szenen ab, die wechselweise ins Komische oder Bedrohliche kippen. Mit diesen Ingredienzien erschafft Nauderer eine rätselhafte, geheimnisvolle Welt, ohne dabei den Anspruch zu haben, Lösungen anzubieten, vielmehr will er damit den Betrachter zum Nachdenken über sich selbst anregen. So verweist er in seinen Fotografien, Zeichnungen, Installationen und plastischen Arbeiten gezielt auf die Tiefen der menschlichen Psyche, auf Isoliertheit und Einsamkeit, auf soziale Verwerfungen und familiäre Abgründe.

Eigens für diese Ausstellung hat Nauderer unter dem Titel „Parasite Island“ einen Kurzfilm gedreht, in dem er ein düsteres Bild familiären Zusammen- oder Nebeneinanderlebens zeichnet. Darin thematisiert er nicht nur menschliche Konflikte, gestörte Kommunikation und Sprachlosigkeit, sondern auch das Verhältnis, respektive Nichtverhältnis, von Kind und Eltern. Auch letztere fallen wegen ihres außergewöhnlichen Aussehens auf. Die Mutter (gespielt von Sibylle Canonica) hat übergroße Ohren und der Vater (Sepp Bierbichler) trägt überdimensionale Kopfhörer, mit denen er sich von der Umwelt abschottet. Die beiden sitzen sich an einem Tisch gegenüber und löffeln eine undefinierbare schwarze Suppe, die durchaus Assoziationen an Blut weckt. Während des Essens entwickelt sich ein Streit, in dem beide mehr und mehr aneinander vorbeireden und sich am Ende vollkommen ignorieren. Gleichzeitig liegt deren Kind, der Mausmann, gefesselt im Nebenzimmer auf dem Bett und schlürft seine Suppe in Ermangelung eines Löffels aus dem Teller. Eines Tages aber erträgt er es nicht länger, stumm und einsam in seinem Kämmerlein vor sich hin zu vegetieren, er holt sprichwörtlich zum großen Befreiungsschlag aus, in dem er sich in einem Moment der Auflehnung aus seiner Gefangenschaft befreit, um seine Mutter zu erschlagen, und um erstaunlicherweise durch ihren Tod sein menschliches Antlitz zurück zu erhalten.

So fragt sich am Ende, wer denn nun der Schmarotzer auf dieser Insel, sprich in diesem Haus, ist, oder lockt uns Nauderer nur in die Falle, indem er auf die ganz alltäglichen Schmarotzer jeglicher Couleur anspielt? Wir werden es nie wissen, denn er liebt es, geheimnisvolle Szenerien zu entwickeln, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Und genauso liebt er es, mit psychologischem Feingefühl die Existenz des Menschen mit all seinen Stärken und Schwächen zu transferieren, um damit ein überzeichnetes, surreales Bild unserer Gesellschaft zu erzeugen. Konsequenterweise verzichtet er dabei auf jegliche Farbe, beschränkt sich auf ein existenzialistisches Schwarz/Weiß, mit dem er eine Parallelwelt jenseits der real existierenden Welt generiert.

Elisabeth Hoffmann

Kallmann-Museum, Schloßstraße 3 b, Ismaning bis 27. November 2016, Dienstag bis Sonntag von 14.30 bis 17 Uhr. Öffentliche Führungen am 6. und 27. November jeweils um 15 Uhr. Sonderkonzert mit Herbert Nauderer am Schlagzeug, Axel Wolf (Laute und Saxophon), Cornelius Borgolte (Bassklarinette) und Jost Hecker (Cello) am 28. Oktober um 20 Uhr

Veröffentlicht am: 27.10.2016

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