Gauthier Dance in der Schauburg

Unendliche Vorstellungswelten

von Isabel Winklbauer

Reiterausflug mit Cayetano Sotos "Conrazoncorazon". Foto: Regina Brocke

Womöglich zum letzten Mal gastiert die Stuttgarter Kompanie Gauthier Dance diese Saison in der Münchner Schauburg – ein Intendantenwechsel steht an, und Gastspiele für 2017/18 stehen in den Sternen. Mit „Infinity“, einem achtteiligen Abend, gibt Chef Eric Gauthier eine ausgesprochen fantasievolle Visitenkarte ab.

„High Five“, „Six Pack“, „Lucky Seven“ hießen vergangene Programme von Gauthier Dance. Die Reihe nun mit der liegenden Acht, dem Zeichen für Unendlichkeit (Infinity) fortzuführen, muss nicht unbedingt klug sein. Der Abend dauert mit seinen acht Bildern drei Stunden. Wie läuft das nächstes Jahr mit der Neun und übernächstes mit der Zehn? Andererseits ist es schön, dass die Kompanie sich die Zeit nimmt, auch längere, schwierige Stücke auf die kleinere Bühne zu bringen.

Da ist einmal „The Black Painting“, das Nanine Linning für Gauthier Dance kreiert hat. Schwarz geschuppte Gestalten verschlingen drei golden beleuchtete Embryo-Gestalten wie ein See aus Erdöl. Man hofft bis zuletzt, die leuchtende, weißblonde Anne Süheyla Harms, standhaft, ruhig und elegant, kann entkommen, doch auch sie lassen die Krähen in einem von drei geheimnisvollen Leuchtkästen verschwinden. Ein bedrückendes Stück, das tief aus dem Unterbewusstsein eines Depressiven zu kommen scheint. Traurig, poetisch und eindeutig zu lang ist dagegen das Liebesduett „Now and Now“ von Johan Inger, in dem sich in Gefängnisatmosphäre ein Mann seine Frau herbeiträumt.

Verschiedene ästhetische Welten formen "Infinity". Foto: Regina Brocke

Doch bei Cayetano Sotos „Conrazoncorazon“ geht die Rechnung wieder voll auf: In kurzen Safarianzügen und Reiterkappen tanzen zehn der 16 Gauthier-Tänzer zu 50er-Jahre Jazz- und Mambo-Impressionen. Ihre ernsten Mienen und manierierten Gesten bilden dabei einen köstlichen Gegensatz zur synchronen, aber doch naiv verspielten Gruppendynamik auf der Beinebene. Das Zusammenspiel von Kostüm, Musik und Choreografie in „Conrazoncorazon“ ist abstrus, genial und wohl am besten mit dem Begriff „sophisticated“ zu beschreiben – ein Karl Lagerfeld wäre begeistert über so viel humorvollen und gleichzeitig strengen Retro-Chic. Das Stück ist charakteristisch für Eric Gauthier, der stets auf der Suche ist nach einer ganzheitlichen Ästhetik. Er will ganze Welten des Tanzes schenken, universelle Impressionen, nicht mit der Pinzette gefieseltes Beinwerk wie man es im Tanztheater viel zu oft sieht. So ist es auch mit „Floating Flowers“ von Po-Cheng Tsai, dem am meisten faszinierenden Werk des Abends: Ein Mann und eine Frau in langen, weißen Tüllröcken zeigen den Zuschauern in einem Feuerwerk von überraschenden Schritten, wie Blumen tanzen würden, hätten sie Arme, Beine und Gesichter. Man mag gar nicht mehr heraus aus dieser leidenschaftlichen, kindlichen asiatischen Vorstellungswelt.

Auch schwungvolle, kleine Nummern gibt es, wie zum Beispiel die amerikanisch inspirierte Miniatur „Infinite Sixes“ von Marc Mellits, oder die Dean-Martin-Interpretation „Pacopepepluto“, in der drei nackte Männer mit übertriebenen Sprüngen die sogenannten „beliebten Oldies“ des Crooners als verstaubten Superkitsch demaskieren. Gauthier Dance hat sich im Laufe der Zeit doch immer mehr vom klassischen Ballett abgewendet, das wird bei solchen Shownummern, und auch bei manchen in der klassischen Technik nur schwach trainierten Ensemblemitgliedern sichtbar. Dem Publikum gefällt’s natürlich. Den Höhepunkt bildet zuletzt trotzdem ein Neoklassiker aus dem Ballett: Hans van Manens „Black Cake“. In Schwarz und Silber glitzernd kämpfen sich drei schrullige Paare durch eine Party außer Rand und Band, die in champagnerwütigem Geheule und Gelächter endet – mit Gauthier als Kellner. Wie die Kompanie das eigentlich für das Nederlands Dans Theater geschaffene Werk auf so wenig Platz interpretiert, ist bemerkenswert.

Nächsten Frühling ist Gauthier Dance noch einmal mit dem Abendfüller „Nijinsky“ in der Schauburg zu sehen. Es ist unvorstellbar, dass das der letzte Auftritt der Truppe in der Schauburg sein soll. Andererseits dürfte Eric Gauthier auch an das Prinzregententheater denken. Falls der Publikumserfolg entscheidet, wäre das ein vorstellbarer Schritt, denn ausverkauft ist Gauthier Dance fast immer.

Veröffentlicht am: 08.11.2016

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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