Empire # 2 von Rohtheater in der Container-City

Stadtrundfahrt durch Gegenmünchen

von Michael Wüst

Rohtheater, Empire # 2. Foto: Michael Wüst

Während die einen zur Autopsie einer Stadt aufrufen, sehen ihre Kuratoren beim Blick auf die Apparate alle Lebenssysteme erhalten. Eine vorübergehende Unterzahl an subkulturellen Körperchen könnte jahreszeitlich bedingt sein und im Wasserglas ist noch keiner ertrunken. Wieviel Subkultur ist also der Stadt nun zu verschreiben? Darf´s ein kleines Atelier sein? Oder ist es nicht anders? Vielleicht geht, wer heute Subkultur macht, abgesehen davon, dass er mit dem ollen Top-Down-Begriff nichts mehr am Hut hat, nur andere Wege und zeigt sich an anderen, neuen Orten. Es sind ja oft die Veteranen der guten alten Subkulturzeit, die an ihren Gemarkungen ausgeharrt haben und schreien: Keiner da, nicht mal ich! 

Ein solcher Bypass führte uns zu einer Theaterproduktion, die sich ausgerechnet zu Füßen des mächtig aufragenden Werk 3 am Ostbahnhof in die Container-City eingeschlichen hatte. Mit dem zweiten Teil der Rohtheater-Produktion, Empire # 2, am 11. November, umgab sich der Veranstalter, das Container-Collective geschickt mit einem attraktiv-mysteriösen Schleier. Wer sind die? Keine einführenden Worte zum Spielort, einem Container, keine kuratorischen Absichtserklärungen - Rohtheater war einfach da und das Publikum auch.

Nach Empire # 1 im Jugendkultur-Projekt Kösk im Westend war der Münchner Osten mit seiner Container-City die zweite Station von insgesamt sechs angelegten Stationen. Nächste wird sein die Favoritbar. Endstation der ungewöhnlichen Sub-Linie ist dann wieder das Kösk, am 28. Januar 2017.

Bülent Kullukcu, Dominik Obalski und Anton Kaun bearbeiten in einer Metacollage das von Slavoj Žižek als Versuch eines  „kommunistische[n] Manifest[s]des 21. Jahrhunderts“ bezeichnete Werk des Literaturwissenschaftlers Michael Hardt und des italienischen Philosophen Antonio Negri, "Empire - die neue Weltordnung". In ihrem "posthumanen" Theater verschmelzen analoge und digitale Bilder mit dunklem Electro und eingespielte Textpassagen über entmenschte Techno-Herrschaft und Bio-Machtpolitik werden durchbrochen vom Manga-Comic "Pluto" des japanischen Zeichners Naoki Urasawa, in dem ein Kommissar einen Roboter-Mörder jagt.

Rohtheater, Empire # 2. Foto: Michael Wüst

Rückblicke aus einer Dystopie und der Zeit danach flimmern über die Stahlwände des Containers. Vieles wird heute schon als vergangen projiziert, nicht nur genre-gerecht im Science Fiction. Die Sci-Fi-Geste ist allgemein rethorisch nützlich. Die momentan häufige Verwendung der Post-Vorsilbe, möchte der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass in der Zukunft etwas überwunden sei. In diesem Fall vielleicht der durch die vorgegebenen Passagen des Konsums getriebene Mensch. Oder wie andererseits im paradoxen Gebrauch des Modewortes `postfaktisch´ durchscheinen mag, dass man die Realität unpassend eingetretener Fakten negieren möchte. So wird beispielsweise der komische Wahlsieg von Donald Trump derzeit im Internet in einer alten Comic-Sequenz der Simpsons als deren Prophetie quasi zurückredigiert. Was faktisch nicht paßt, wird in der Uchronie abgelegt. Das Verschwinden der Zukunft, von den Poststrukturalisten behauptet, produziert Ellipsen asynchroner Zeitabläufe, die Zeit verbeult sich. Die Avantgarde sehnt sich in den Zustand eines Post-Neoliberalismus, das Establishment lehnt den Angriff auf sich als postfaktisch ab.

Macht und Gegenmacht bekämpfen sich weniger, sie streiten um die Begriffshoheit über das, was vergangen sein wird. In der Metacollage von Rohtheater wird mit dieser Zeit-Equilibristik genial gespielt. Zu Abgesängen auf den freien Menschen mit Erich Fromm, über Max Weber sprechend, bis zu Texten über die Kontrollgesellschaft à la Giorgio Agamben, steht Anton Kaun zwischen Bildern der Manga-Jagd auf Robotermörder und filmt mit kindlich winziger Kamera in einer Art geborstener Modelleisenbahn, aus der der Zug der Zeit bereits herausgefahren ist. Fachwerkhäuser liegen durcheinander, Skatrunden sind explodiert, Menschenpüppchen und Saumägen, menschliches Zeugs. Das überlagert sich mit der Festprojektion von Menschenmassen in asiatischen Badeanstalten, in denen das Wasser verdrängt erscheint und die Atmung in die aufgeblasenen Schwimmreifen verschwunden ist. Bienenvölker fressen sich durch Hochhaus-Silhouetten, ermordete Roboter liegen herum, es ist ein Krieg der Welt gegen die Schöpfung. Einer Welt, die eher untergeht als der Neoliberalismus. Was natürlich eine postfaktische Aussage ist. Rohtheater ist eine Stadtrundfahrt durch Gegenmünchen, die sich lohnt!

Veröffentlicht am: 14.11.2016

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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