Das Diknu Schneeberger Trio im Max-Joseph-Saal

Ein Houdini in Ketten von Arpeggios

von Michael Wüst

Das Diknu Schneeberger Trio. Foto: Michael Wüst

Der ist ja unverschämt begabt! Vor zehn Jahren, als der 16jährige Diknu Schneeberger den Hans-Koller-Preis als Talent des Jahres erhielt, hatte dieser Ausruf des fürbassen Erstaunens durchaus seine Berechtigung. Seitdem scheint der junge Gitarrist des Gypsy Jazz sich allerdings noch einmal mit Schallgeschwindigkeit weiterentwickelt zu haben und dass, ohne die Roots dieses europäischen Jazz', der mit Django Reinhardt auf die Welt kam, zu vernachlässigen.

Steckt da ein Widerspruch drin? Geschwindigkeit ist jedenfalls geradezu triebhaft ein Motiv dieses Swing und wenn man Einstein folgen will, so vergeht die Zeit langsamer, je schneller man sich bewegt. Aber das taten nur die Hände der Musiker des Diknu Schneeberger Trios, das Publikum saß gebannt im ausverkauften Max-Joseph-Saal und so verging der Abend (der im Rahmen der jährlich neu aufgelegten Reihe "TheaGe in der Residenz" stattfand) mit zwei großen Sets doch wie im Flug.

Gebannt. Foto: Michael Wüst

Diknu, der schelmisch ins Publikum lächelt, wenn er sich wie ein Houdini in Ketten von Arpeggios legt, um sich mit einem einzigen Break zu befreien, hat etwas von einem Artisten in der Zirkuskuppel. Und tatsächlich beginnt der Abend auch mit der Menagerie der rasenden Akkordzerlegungen bei Eigenkompositionen wie "Abenteuer Erde" oder "One for Barbara", seiner Schwester gewidmet. Ob das nun 64stel, 128stel oder ganze Noten mit Schallgeschwindigkeit eingezählt sind, egal, schneller geht's wohl kaum. Hat auch keinen Sinn, weil der Grenzwert solcher Speed-Arpeggios, dann irgendwann wieder der Akkord selbst ist. Vater Joschi Schneeberger, am Kontrabass und Diknus langjähriger Lehrer Martin Spitzer an der Rhythmus-Gitarre, legen den todsicheren Vier-Viertel-Groove zugrunde, der den Raum für irrwitzige Entfesselungen öffnet.

Die Jagd nach Sensationen endet aber dann dramaturgisch geschickt mit "Douce Ambiance" von Django Reinhardt. Das Thema hat schöne Mittellagen-Sonorität, die ganze Eleganz und Wärme des Reinhardt'schen Côte d’Azur-Feelings breitet sich aus. In weiterer Referenz zum Vater des europäischen Jazz in Stücken wie "Troublant Bolero", "Appel Indirect", "Nuages" und "Rhythme Futur" zeigt Diknu, dass er auch die speziellen Techniken beherrscht, die Django Reinhardt sich erwerben musste, nach dem Verlust zweier Finger an der linken Hand. Techniken, die man sich vielleicht aneignen muss, will man den Meister richtig interpretieren. Denn ein Lauf klingt eben anders, wenn er sich horizontal, mit weiten Wegen aufbauen muss, und nicht vertikal quer übers Griffbrett geht. Oktav-Akkord-Serien, doppelt angeschlagene Saiten, Bordun-Effekte, bringen die unterschwellig libidinös heitere Melodik zum Tragen.

Dazu kommt das eigene, alte Mollverständniss arabischer, spanischer Skalen, woraus das Dur als erst nachträglich entwickelt erscheint. Alles scheint entstanden in diesem Moll, das seine Wurzeln auch in indischen Ragas hat. Dieser dunkle Ton groovt genial im Solo von Joschi Schneeberger über "Minor Swing". Klar, am Einspielen von Zitaten hat man auch Spaß, wenn etwa der Chattanooga Choochoo kurz einfährt. Ein anderes Mal rührt es einen sehr liebevoll an, wenn in "Miridei" (Meine Mutter) das Thema der fallenden Herbstblätter anklingt (Autumn Leaves). "Jacqi" ist wieder einer anderen Schwester gewidmet, hat einen chromatischen Aufbau und erinnert an Thelonius Monk. Man weiß es nicht. Klingt das jetzt moderner oder hat das seine Wurzeln ganz tief in der Geschichte? Im Moll der Geschichte?

Veröffentlicht am: 21.11.2016

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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