Frühjahrs-Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung

Perspektiven mit Weltklasseabsolventen

von Isabel Winklbauer

"Im Wald", ein Stück für Herren. Foto: W. Hösl

Die Kleinsten und Mittleren waren diesmal spärlich vertreten. Trotzdem machte die Frühjahrsmatinee der Heinz-Bosl-Stiftung Spaß, denn die selbstreflektiven Stücke aus der Unter- und Mittelstufe der Ballettakademie, die hauptsächlich die tägliche Arbeit an der Stange und in der Mitte widerspiegeln, vermisste man gar nicht so furchtbar. Stattdessen zeigten die besten Stipendiaten, die bald ins Berufsleben übertreten, ihr Können. Wie immer war darunter erlesene Kunst.

Nachdem die Mädchen und Jungen der Unterstufe also einen liebenswerten "Norwegischen Tanz" gezeigt hatten, ging es gleich ans Eingemachte. Man sah Victoria Svetlana Roemer und Maksym Palamarchuk in "Bittersweet Carousel", einer Choreografie von David N. Russo. Immer im Kreis dreht sich dieser fließende Pas de deux, den die Eleven mit viel Empathievortrugen. Zuletzt hält der Herr die Dame erschöpft wie einen zu schweren Teppich – was wenig charmant ist, aber eben auch eine neue Perspektive. Damen, seid doch mal einfacher.

Die Schlusspose aus dem Pas des sept Bohémiens hat es in sich. Foto: W. Hösl

Den Pas des sept Bohémiens aus "Paquita" haben die Zuschauer noch gut von 2014 in Erinnerung, als Doug Fullington das Ballett für das Bayerische Staatsballett rekonstruierte. Daria Sukhorukova gab damals die Titelrolle, und so tritt Gillian Fitz in große Fußspuren. Das tut sie mit Charme und technisch korrekter Eleganz, allerdings auch noch genau so vorsichtig wie ihre sechs Freundinnen. Wird schon. Die Damen wachsen mit der Bühnenerfahrung.

Als doppelter Leckerbissen erwies sich dann vor der Pause die Suite aus dem Ballett "Laurencia". Einerseits hatte Mark Pogolski, der musikalische Leiter der Ballettakademie, die Orchestermusik für sein Volta-Ensemble zur Kammersuite umgeschrieben. Diese Neuschöpfung zieht, trotz des Pogolski eigenen Hauchs melancholischer Atonalität, die Zuschauer recht schnell in ihren Bann. Die dramatischen Fähigkeiten des Komponisten und Pianisten sind seit Jahren zuverlässig.

Andererseits sah man den Bosl-Stipendiaten Jurgen Rahimi in der Rolle des Frondoso. Schon im Dezember hatte der junge Tänzer bei der Akademiepräsentation in der Reaktorhalle auf sich aufmerksam gemacht. Inzwischen geht er wie eine Rakete durch die Decke. Technik ist überhaupt keine Frage mehr für ihn, er arbeitet bereits intensiv an der Rollengestaltung der großen Repertoires. Rahimi figuriert niemals, er tanzt an jemandes Seite – insbesondere in den Pas de deux an derjenigen seiner Partnerinnen. So verbindlich, so gefühlvoll, so wahrhaftig hätte man Polunin (der Ballett ja im Grunde nicht mag) in den letzten Jahren sehen wollen. Das Schöne ist, dass auch Rahimi kein schlechter Springer ist, wie er mit einer Runde fast waagrecht ausgeführter Grand Jetés en tournant bewies. Das Kunststück ist übrigens das Schaufensterstück schlechthin der männlichen Bosl-Absolventen; Denis Cherevytchko zum Beispiel ergatterte damit seinerzeit seinen Vertrag in Wien, wo er heute erster Solotänzer ist.

Wohin Jurgen Rahimi bald entschwindet, kann man im Moment noch raten. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich im Bayerischen Staatsballett unter dem für Tänzer komplizierten Igor Zelensky hochdient, ist wohl eher gering. München winkt bei Weltklasseneulingen sowieso traditionell ab. Man erinnere sich, die herausragende Jurgita Dronina ließ Ivan Liska einst ja auch in die Welt und in eine ruhmreiche Karriere ziehen.

Maged Mohammeds "Chamber Colours" fließt schwungvoll über die Bühne. Ganz rechts Jurgen Rahimi. Foto: W. Hösl

Nach der Pause waren dann drei moderne Choreografien zu sehen: "Individuell" von Peter Leung, ein repetitives Stück zu schwierig zu hörender Musik von Mikolaj Gorecki. "Im Wald" von Dortmunds Ballettchef Xin Peng Wang, in dem ausschließlich Männer das geheimnisvolle Leben der Bäume als mystischen Bilderbogen auffalten. Zu der Kreation gehört ein wunderbarer Herren-Pas de deux. Und schließlich "Chamber Colours", eine charmante Idee von Maged Mohammed, die als Raumkomposition für Gruppen viel Einflüsse von Richard Siegal offenbart: Dynamisch, vielfarbig und immer auf der Suche nach dem Hype schwärmen seine sechs Tänzer durch den Raum.

Wer und was davon bleibt in München? In ein, zwei Jahren, weiß man mehr. Wer sich inzwischen informieren will, wo ehemalige Stipendiaten der Heinz-Bosl-Stiftung gelandet sind, sollte sich die neue Zeitung "Bosl-News" zulegen. Hier haben die Redakteure eine Liste all derer verfasst, deren Engagements bekannt sind. So mancher fehlt – was die, die aufgelistet sind, natürlich nicht uninteressanter macht. Die schlechteste Visitenkarte ist München nicht für junge Tänzer, sieht man. Irgendwo landen sie alle und machen die Welt ein bisschen eleganter.

Veröffentlicht am: 19.04.2019

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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