Die Unterbiburger Hofmusik präsentiert neue CD "Dahoam und Retour"

Hinter unsrer Stadltür spielt heut mal die Saz

von Michael Wüst

Die Unterbiburger Hofmusik in der Drehleier. Foto: Michael Wüst

Vor mehr als 20 Jahren ist die Familie Himpsl mit ihrer Unterbiberger Hofmusik zur Einweihung der "bayrischen Botschaft in Berlin", wie man bei uns gern sagt, eingeladen worden. 1998 wurde die, korrekt apostrophierte, "Vertretung des Freistaates Bayern beim Bund", als erste solche Länderinstitution in Berlin eröffnet. Franz Josef Himpsl erwähnt das auf der Bühne der Drehleier am Freitag, 19. Juli 2019, bei der Präsentation der zehnten CD, "Dahoam und Retour", ohne auf dicke Hose zu machen, die hat er nämlich wie üblich als Botschafter bayerischer Musik sowieso an.

Mit Lederhose und roter Weste vertritt er allerdings nicht allein alpenländische Folklore, sondern praktiziert die musikalische Begegnung mit lokalen Musikern, sei es in Kasachstan, Ägypten, Tunesien oder der Türkei. Als Ergebnis einer Türkeireise nach Izmir und Istanbul in den Jahren 2005 und 2008, auf Einladung des Goetheinstituts, war 2012 eine erste Crossover-Arbeit nach Unterbiberger Art entstanden: "Bavaturka - Türkische Reise." Neben Franz Josef Himpsl, der von der Bühne aus das Publikum auch auf türkisch anspricht, stehen seine Frau Irene, die für viele Stücke in Komposition und Arrangement zeichnet, die Söhne Xaver, Ludwig und Franz Ferdinand sowie außen Mathias Götz, den man auch von der fabelhaften Hochzeitskapelle kennt, und Florian Mayrhofer. Von den Trompeten (Franz Josef, Sohn Xaver) über Waldhorn (Franz Ferdinand) und Posaune (Mathias Götz) zur Tuba (Florian Mayrhofer) intoniert sich ein kultivierter, oft wunderbar weicher Blechklang. Mutter Irene ist am Akkordeon und Sohn Ludwig spielt neben Schlagzeug auch das Mellophon. Gesungen wird natürlich auch. Zu Beginn, ein älteres Stück in neuer Bearbeitung von Irene Himpsl: "Gänsetanz" - Variationen über ein Volkstanzthema - ist entstanden in der Zeit mit dem brasilianischen Jazztrompeter Claudio Roditi und beeindruckt mit festlichem, sauberen Barockklang und unterstreicht eine der Stärken von Xaver Himpsl.

"Bavarabica" ist kein Kaffee aus den bayerischen Alpen - soweit ist der Klimawandel noch nicht gediehen - sondern eine explosive Mischung, die einen mit dem Einritt der Janitscharen ins gesellige Dahoam aus dem Mittagsschlaf auf dem west-östlichen Diwan reißt. Idyllisch und heiter beginnt es, fast in einem musikalischen Cinemascope der bayerischen Lebensart - Tanzboden, goldenes Bier, Speck, fröhliche Menschen und im Hintergrund ein lächelnder Schläfer auf einem Diwan. Trompeten fragen, Waldhorn, Posaune und Tuba antworten, dazwischen fliegen die Röcke der jungen Frauen in die Luft. Kaum hat sich das Karussell des Chorus einmal gedreht, sitzen da plötzlich Krieger mit Turbanen auf den Schaukelpferden. Die Trompeten heulen auf und das Akkordeon von Irene Himpsl (Komp., Arr.) webt den Teppich der orientalischen Skalenerzählung.

Unterbiburger Hofmusik. Foto: Michael Wüst

Doch kein Schlachtengemälde entsteht, Mathias Götz an der Posaune grüßt mit einem Calypso-inspirierten Solo von St. Thomas vor der Goldküste Afrikas. Das Stück kehrt zurück nach Dahoam, aber die Idylle des Anfangs ist um etwas reicher geworden: Man spürt die Utopie einer anderen Gesellschaft. Dagegen von real existierenden Klischees des Bayerischen hat man eher genug. Letztes Jahr im Herbst, bei einer ersten Aufführung von "Bavarabica" in Taufkirchen, hatte Franz Josef Himpsl das Stück Flüchtlingen, für die er aufrichtiges Mitgefühl verspürt, gewidmet: den Wiesnflüchtlingen. Jetzt steht er mit einer Saz auf der Bühne, einem Saiteninstrument ähnlich der bekannteren Oud. Mit dem Geschenk der Familie war der Niederbayer mit dem hintersinnigen Humor quer durch die Türkei gezogen, hatte gespielt und gelernt, immer in der Lederhose. Als einmal die Frage kam, ob er Christ sei, sagte er diplomatisch: Biertrinker. Die Haddsch nach Mekka würde er aber nicht machen. Aus dieser Zeit stammt das Lied "Uzun Innsbruck".

"Uzun ince bir yoldayim", ein Stück des Volkssängers Aşık Veysel (1894 -1973) wird kombiniert mit "Innsbruck, ich muss dich lassen" von Heinrich Isaak, einem Choral, den Johann Sebastian Bach einmal als den idealen bezeichnet haben soll. Franz Josef Himpsl singt und spielt die Saz. "Ich bin auf dem Weg, ich muss meine Heimat verlassen", lautet der Klageruf aus der syrischen Wüste. Der Choral antwortet in festlicher Wehmut. Mit dem Traditional "Hinter unsrer Stadltür", geht es schadenfroh heiter in eine letzte heiße Runde. Der letzte dazugedichtete Vers deutet´s an: "D´Oma mog koan Jazz ned hean / ja was soi denn da aus uns grad no wean / wenn ma scho nix machan sunst / ois wia de brotlos Kunst." Dann das 11/4- Stück "1-2 1-2 1-2-3 1-2 1-2". Das Karussell dreht, krümmt sich, beschleunigt. Die ungeraden, schweren Momente lassen einen vorüber kippen wie in einer wilden Maus. Warum knallt die Peitsche? Weil die Schnur die Schallmauer durchbricht. Die Volksmusik tanzt und peitscht jetzt den Jazz wie Don Ellis mit Bulgarian Bulge, Ibrahim Malouf oder Gato Loco aus Brooklyn. "Oans, zwoa, drei, vier hob de stad / dass de net obedraht / obe übers Habernfeld / geht´s a wengal schnell."

Veröffentlicht am: 24.07.2019

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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