Logbuch einer Entdeckungsirrfahrt in eine seltsame Zeit (Folge I.)

Nobodaddy

von Michael Wüst

Jede Zeit hat ihre Stimmung. So entsteht quasi ein Geist, der uns zu Bildern bringt, zu Erinnerungen. Oder auch zu einem Verstehen. "Was macht das mit uns?" Die bis zum Erbrechen durchboulvardisierte Frage bekommt dann manchmal, aber nur manchmal, eine Antwort, die einen nicht ratloser oder dümmer macht, als man ohnehin schon ist. Sondern die einen Blick ermöglicht mitten hinein. Was also macht das mit uns, diese Stimmung, diese Zeit zurzeit? Michael Wüst wagt einen solchen, einen möglicherweise bösen Blick. Hier sein Bericht.

Gesehen in der Kultfabrik, 2013. Foto: Michael Wüst

Ich kann mich nicht mehr erinnern. Das stimmt allerdings nicht. So nicht. Soweit bin ich nicht. Leider. Im Aufflammen der Erinnerungen ist noch nicht alles verbrannt. Es gibt noch zu viele leere Zimmer mit umgekippten Stühlen. Und noch sind jede Menge Wörter vorhanden, die als Platzhalter ganze Welten von Fehlgeburten in Fruchtblasen schwappend hinter sich herziehen, das Trottoir nässen und die Gehirne verkleben. Alles, was Form der Vernunft besaß, wird seit geraumer Zeit und unermüdlich mit bedeutungsschwangeren Merkwürdigkeiten infiziert, bis von der Form nur noch ein Klumpen übrig ist, der als Altar des Weltuntergangs angebetet wird. Als Fratze Baphomet. Als Clownsgesicht des Todes.

Klingelbretter an Häusern! Das Haus hängt dran wie ein Dotter, in dem der Wahnsinn gebrütet wird, ein Kokon, ein Brutkasten für immer gleich und absolut unerhörte Schicksale. Namen auf Feldpostbriefen, Urkunden, Schicksale stammeln vor sich hin. Die Verkehrsampeln auf denn leeren Straßen übersetzen für Gehörlose und Krokodile.

Jede Klingel ist der Druckknopf einer Sprengladung, um den Wahnsinn weiter zu verbreiten.

Wörterklebstoff, klebender Speichel, feuchte Aussprache oder Fett an den Lippen, Betroffenheit der Selbsterkenntnis. Ein Sekret. Drüsen in den Mundwinkeln, die bei Betroffenheit, Erschütterung oder Anteilnahme sich ausschütten, Klebstoff absondern. Wie ein Insekt eine Blase oder einen Schaum ablegt. So entsetzlich fleißig, so entsetzlich unberirrt, eines neuen völlig unabänderlichen Instinktes inne. Ein Gelege, in der Wiese an einen Halm angeklebt oder in der Brust eines verwesenden Vogels wachsend. Ein Bubble, leicht in der Brise schaukelnd, immer am Abgrund zu platzen, um das ganze Gesülze überall zu verbreiten. Proliferation von Überzeugungen, Glossolalie der Verschwörer. Versehentlich beim Spaziergang oder um die Brut zu vernichten draufzutreten, bevor die Blase platzt, das ist vorbei und zu spät. Ganze Häuser. Stadtteile oder Quartiere sind durch Blasen verbunden, derweil das Fundament, der Untergrund nach unten bricht. Häuser an Klingelbrettern. Jede Klingel ist eine Bombe der Solidarität.

Und deshalb bleibt nur der steinige Weg, erst das eigene Ich auszulöschen auf dem Weg zurück auf den Spuren der Erinnerung vor das die Erinnerung auslösende Ereignis. Steiniger Weg, naja, das wär ja noch was, das ist ja noch ein Wort aus alten Tagen! Steinig. Aus der modernen, kalten Architektur dringt lange schon nur das Empathiesekret nach draussen, es quillt durch Glas, Stahl und Beton. Ein Don Quichote, wer sich mit einzelnen Wörtern abgibt, der seine Invalidität in Kauf nimmt, um sein Ich und seine Herkunft auszulöschen, um eine wortfreie und gefühlslose Aussicht zu genießen. Aber er rutscht schon vor der Windmühle aus auf dem gesellschaftlichen Konsens.

Lange davor wurde das Bestiarum schon freigelassen. Die Versuchung des heiligen Antonius. Er widerstand, jedoch die Neugier war in der Tiefe seines Blicks zu erkennen für das Viechzeugs. Der Kugelkopf des Hieronymus Bosch, mit feinem Lächeln, erkannte die Niederlage des Heiligen und das Bestiarium kam frei und flog aus seinem Kopf heraus. Was ihn listig angefeixt hatte, war in seinem eigenen Kopf gewesen, wie sich herausstellte. Es entkam.

Vier Friedhofswärter, die den Sarg meiner Mutter auf einer Lafette mit Gummireifen, die ein leicht klebriges Geräusch verursachten, mit gebeugten Köpfen, die die Muskulatur von Hundehälsen entblößten, hereinschoben... Meine Mutter lag im offenen Sarg in dem schwarzen Badeanzug, in den sie sich jeden Sommer mit Fleischdiäten hineingehungert hatte. Die teure Lendenschnitte. Jeden Tag nur eine. Das Kind bekam die abgeschnittenen Schwartenstreifen mit etwas Öl vom Teller. Auf der Nase die Brille mit den aufgesteckten getönten Gläsern, in der Hand eine Schachtel Lord Extra. Der Tick, mit dem sie die Brille über ein kurzes Kräuseln der Nase, ein minimales Stück nach oben zu schieben pflegte, wäre kaum zu sehen gewesen. Die Friedhofswärter in den mausgrauen Uniformen ohne Abzeichen oder andere heraldischen Embleme, hielten an, den Kopf gesenkt. In den groben Poren der Nacken steckten dicke Borsten und Kiele von Federn.

Die globale Katastrophe, die im Chor internationaler Sprechakte besungen, selbst nicht mehr als ein Gerücht - nur ein Schatten von Ratten aus Zeiten des ernst genommenen Todes, ein dünnes Häutchen der Erde, gespickt mit Standarten... Salus pro omnes. Die Administrationen veranlassten, die Motoren abzuschalten. Gleichzeitig wurde der Bevölkerung, den Nackten, zu ihrer Sicherheit, nämlich der eigenen, empfohlen, sich auf Positionen, die überall im öffentlichen Raum markiert waren, zu begeben und zwecks Erfassung zu verharren. Eine Art Steckschach. Die kollektive Erstarrung gab zum Entzücken der Schutzbefohlenen der Natur Gelegenheit sofort zurückzukehren in die Stadt, wo sie eigentlich nie war, wenn man überhaupt jemand wusste, was sie denn überhaupt sein solle, die Stadt oder die Natur. Rehe, kreuchendes Zeugs und seltene Flughunde durchquerten U-Bahnschächte, Pusteblumen, die in ihrer harmonischen Fibonacci-Struktur begeisterten und angeblich an Gott erinnerten, verklebten die Haut. Manche schrien: Diktatur! Andere schrieben Gedichte und reimten auf Teufel komm raus, der sich nicht lang bitten ließ. Man besang die Magnolienblüte, das Ballett frisch geschlüpfter Oktopoden in der Morgenröte und Tango tanzende Gorillas im Nebel über der Isar. Eine Rückkehr des Biedermeier im Angesicht des Todes, beziehungsweise seines digitalen Abklatschs. Eine Clownsmaske im Froschlaich.

Brunellesci baute erneut seine Camera obscura auf, um den Fluchtpunkt der Perspektive mit den weit geöffneten Schenkeln der Semiramis zu beweisen, vor einem großen Münchner Brauhaus brannte Giordano Bruno in dunklem Bier erneut vor einer begeisterten Schar von Eichkätzchen und Bänkelsänger und freigelassene Irre, die so genannten Trolle, berichteten auf ihren Moritatentafeln von Verkrüppelungen durch Impfungen, Verstrahlungen, genetischen Schäden durch Fruchtjoghurt, dem Wiedererstarken der Lepra aus vergifteter jüdischer Blockschokolade. Die Narrenschiffe hatten wieder Leinen los auf den Flüssen des ausgehenden Mittelalters und die Trolle, die man in Zeiten der Vernunft aus den Städten geprügelt hatte, propagierten die Lächerlichkeit des Lebens und des Todes. Die letzten gotischen Gebäude der Vernunft erwiesen sich beim ersten Luftzug als Spinnweben.

Was tun? Der Weg der Erinnerung zurück vor das auslösende Ereignis konnte nur bei der Zerstörung des Ichs beginnen. Der Sarg stand jetzt geschlossen auf einem Postament. Darauf ein persönlicher Gegenstand, ein kleiner Korb mit geliebten Gegenständen des Lebens, der mit verbrannt ist und nicht geerbt werden musste, genauso wie die getönten Gläser, die in der Hitze auf den Augen schmolzen und dem Schädel kurz einen sarkastischen Blick verliehen in die verlorene Zukunft.

"Es wurden Organe entnommen." Das sagte der Andere, der sogenannte Vater, als wir bei der Luftkonserve Bachs vorher darauf warteten, dass der Sarg nach unten ins Feuer abfahren würde. Durch das Entgeld für die Organentnahme aus dem Leichenbaukasten der Frau war die Abfuhr des Sargs - horribile dictu: gottseidank - wenigstens teilweise refinanziert. Oben auf dem Sarg stand ein Gegenstand, ein geflochtener kleiner Korb mit geflochtenem Griff, in dem Erinnerungen der Frau lagen, alle brennbar. Der Schmuck, den der sogenannte Vater seiner Frau einmal geschenkt hatte, als der Bauch noch nicht von den Kindern zerrissen worden war, war bereits entnommen worden. Alles brennbar, holocaustisch. An einer musikalisch nicht besonders passenden Stelle der Luftkonserve Bachs gab es einen kleinen Ruck in der kaustischen Hydraulik des Instituts, das Feuermöbel ruckte an, es fuhr ab mit einem die Luftkonserve Bachs störenden Scheißgeräusch, hervorgerufen durch irgendeine lästige Abnutzung zwischen Dichtungsgummi, Fett und Metallzylinder, der Kehlsack des sogenannten Vaters erzitterte und in ein nach unten gedrücktes Juchzen, würgte er es hervor: "Das wars dann."

Wortorgane müssen in Zukunft auch entnommen werden, das Erinnerungskoma muss beendet werden, so ähnlich emfand der Sohn, der den Kopf nach rechts drehte, als der sogenannte Vater seinen Trauerrotz hervorgewürgt und wieder heruntergeschluckt hatte. Auf Gott ist kein Verlass, war so seine lebensweise Erkenntnis wie etwa auch die Lightversion der Relativitätstheorie "alles hat zwei Seiten". Der Urtroll, der Atheist, negiert Gott aufgrund der Verfehlungen der Kirche und weil ihm im Internat mal ein Pfarrer auf ein Hosentürl geschaut hatte. Leugner, Schänder! Warum also nicht mal eine globale Katastrophe? Die Notiz, `Geschichte ist ein Konstrukt´, würde sich später an der Unterseite des Stuhls rechts vom Sohn anbringen lassen, was hiermit geschehen ist.

Mutter sagten wir ja gar nicht. Wir sagten, das zweite der Kinder ebenso: Mama. Ein pappendes Wort mit eingetrocknetem Griesbrei in den Mundwinkeln. Das Wort Mutter entnehmen wir zur größten Not nur dem allfälligen Über-Ich-Container. Der Organbaukasten. Der flatternde Kehlsack eines Pelikans, die Trauer, geschenkt. Ein bittres Sieb, mit dem man Puderzucker über einen Pfannkuchen schüttelt. Pappe mit Rosinen.

Alos zwischendurch mal zum Kiosk: Kollege, hast du die Pappe abgeholt? Das Geld! Die Knatter? Die Scheiße? Das Geld!

Er: Klar, die Scheine kleben immer an der Zunge. Beim Zahlen am Kiosk reißt immer etwas Lippe mit ab und der Schnaps brennt dann zumindest schön in diesem eisgrau kalten Morgen, die Pappe. Brennt schön. Klappe zu. Der Sohn, die Arbeitswelt, der Kollege, die erleuchtende Härte des Sozialstaats. Es wärmt. "Hast du irgendwelche Strahlen gesehen? Ist doch alles Panikmache." War das Tschernobyl?

Mit drei Jahren, vielleicht waren's sogar bloß zwei, saß der Sohn, aus dem nichts werden würde, formerly known as Me, unter dem Bügelbrett der Frau, die sich Mama nannte.

Kollege, erzürnt: Alles zugedeckt, alles Decknamen, alles inszeniert. Ein wahrer Agenten-Thriller, alles Decknamen. Die großen Namen des Über-Ich-Kolosses Merkel sollten alle überklebt werden, die große Staatsschnauze getaped. Alles eine Verschwörung des organlosen Körpers der Kanzlerin! Prost! Scheiß drauf.

Das Bügelbrett war nur ein Holzbrett, lächerlich. Entsprach nicht im geringsten den technischen Errungenschaften eines Wirtschaftswunderhaushaltes der 1950er Jahre mit Entsafter, Staubkehlsack, Kristallglas für Gordons Gin und Lederetui für Filterzigaretten. Das Bügelbrett. Es war ein an der Spitze, da wo man den Hemdsärmel leichter überziehen Konnte, ein angekokeltes Erbstück, weil einmal das Rowentabügeleisen dort stehengeblieben war, auf niedriger Stufe, auf dem Erbstück aus dem Haushalt der Großmutter, Frieda, mütterlicherseits. Das Bügelbrett wurde nach dem Bügeln aufrecht in den Spalt neben dem Kühlschrank gestellt, die schwarz angekokelte Spitze würde später an im Feuer gehärtete Speerspitzen Mikronesiens erinnern, als aus dem Sohn auch kein Ethnologe geworden war. Außerdem erinnerte schon damals mit zwei oder drei Jahren die angekokelte Spitze des Bügelbretts an das rußige Brandmal an der Speichertür des Geburtshauses des Sohnes in München vor dem Umzug an den Starnberger See, wo der wohl eher doch schon unter Maßgabe der einnernden Zeitenfolge eher Dreijährige nun unter dem Bügelbrett von Mama im Vollbesitz ihrer blonden Organe saß, wenn es denn unbedingt sein muss, dass man das pappende Wort noch einmal aufs Papier schmiert.

Häuser anzünden. Jede Klingel der Auslöser einer Bombe.

Das Bügelbrett ruhte auf einer Stuhllehne auf der einen Seite und auf der Anrichte auf der anderen Seite, wenn man dieses Wort Anrichte, das sich wie ein Zahnschmerz einbohrt, denn unbedingt anwenden muss. Über das Bügelbrett war ein Tuch gelegt in blaugrünen Farben, das fast bis zum Boden reichte und an einigen gelblichen Stellen, die das Dreieck das Roventa-Bügeleisens abbildeten oder zumindest daran erinnerten, ein bisschen nach verbranntem Toastbrot und Elektronen roch. Das war mein Zelt.

Ich, der ich noch ich war, rieche die Bügelluft, sehe das Aufsetzen des Eisens an einer rasch durch das blaugrüne Tuch durchfließenden Falte , die sich am Boden an schwärzlichen Linien bricht. Daneben in einem geflochtenem sommerlichen Schuh mit kurzem, breiten Absatz der Fuß meiner Mutter. Der große Zeh war pink in der Farbe entnommener Organe lackiert, an den anderen Nägeln war der Lack gesplittert. Das Mittelfußgelenk des kleinen Zehs drückte seitlich durch das Flechtwerk der Sandale. Obenauf hindurchgedrückt etwas Hühnerdotterartiges, wie man es von Oster-Zuckereiern kennt. Das Gelenk des großen Zehs im Mittelfuß war ebenfalls nach aussen gedrückt, von daher versteht man den umgangssprachlichen Ausdruck "Flosse" für Fuß. Der große gelackte Zeh wies nach innen in Richtung verklebter Folgezehen, angeführt vom Zeigezeh, es war der rechte Fuß. Der ganze Fuß verlief spitz nach vorne und verbreiterte sich wie ein Sattel im Mittelfuß. Entlastungen des Standbeins mit leicht klebrigem Laut der sich vom Schuh lösenden Sohle beim Wenden des Hemdes oder des Kopfkissens oder des Geschirrtuchs. Taschentücher wurden auch gebügelt und rechteckig immer wieder umgeschlagen und geplättet. Auch die Bettwäsche, eh schon ziemlich steif, wurde gebügelt. Die Kissen, in deren Bezüge die mit Haarspray geschliffenen Haare der Mama mikroskopisch kleine Spuren schnitten, konnten bei kräftigem Handkantenschlag die Ohren aufstellen. Dabei staubte etwas getrocknetes Körpersekret ab.

Irgendwie wie eine Schaufel. "Flosse", was korrigiert werden muss, wird umgangssprachlich für Hand gesagt wird, genauso wie "Pratzn". Solche gab es später im Sand unter blaugrünen Blättern, im Sandkasten neben toten Ameisen und dem größeren Auge eines toten Nachtschmetterlings, der das Schwärzeste war, was der Sohn in seinem ganzen Leben gesehen haben sollte. Soviel Nacht! Rote Schaufeln mit Holzgriff. Verkehrt herum mit der flachen Seite konnte man den Sand zu kleinen Hügeln festklopfen oder einem anderen Kind auf den Kopf hauen. Am Spielplatz trug Mama Pumps. Die Spitzen ihrer Pumps staken im Sand, ihr nach hinten in der Dämmerung des cremefarbenen Rockes verschwindender Unterleib konnte einigermaßen gut erspäht werden. Mit Blicken abgetastet werden. Cupiditas in matrem! Mit wohl so etwas wie heiligem Schrecken soll Freud das ja bei sich rückwirkend introspektiv auch festgestellt haben.

Der Sohn, betont unschuldig spielend, blähte seine Nüstern und sog den Geruch von warmen Nylons und süßlich verpinkeltem Slip ein. Abgedunkelte Räume im Sommer werden für ihn später die gleiche Erotik haben. Nein, Geilheit. Das Geräusch beim Abstreifen eines Bikinioberteils, der kleine Luftzug beim Herauswippen der Brüste. Und das Ende des Rocktunnels. Der weiß eingeschlagene Wulst, das eingeschlagene Geschlechtsorgan. Mama schloss die Beine nicht. Ewiger Dank! Es ging auch nicht wegen der Pumps. Man trug damals öfter Pumps zu gesellschaftlichen Anlässen wie Spielplätzen oder Spaziergängen zwischen den größten Supermärkten des Viertels. Diese High Heels, die das Rückgrat ins Hohlkreuz nötigten, um den Hintern herauszudrücken und das Genital in die Höhe zu bringen. Der Krieg war vorbei, man hörte begeistert Benny Goodman und Fatty George und danach auch keinen anderen Jazz. Die tollen Amerikaner hatten den Lindy Hop und die Camel ohne Filter, Schokolade und den Tripper gebracht, wie man immer wieder dankbar betonte. Überhaupt die ganze Kultur und zwar die ganze!

Ich erinnere mich ungern und muss immer wieder abbrechen und fühle mich schon wie ein Harvestman, ein Weberknecht mit langen Beinen über die Texte gebeugt und zitternd, wenn jemand hundert Meter weiter weg eine Tür zuschlägt. Keine Stimme oder ein Mund, kein Gesicht, nur Füße und Beine und kein Satz. Vielleicht der Geschmack von Haarspray und die wie Glaswolle schneidende Frisur, die als Ganzes in sich wie eine Art schlecht sitzender Helm wippen konnte. Vielleicht Sonnenbrille oder auf die Brille gesteckte, getönte Gläser, das war cool. Bügelluft und Zigarettenrauch. Im Sommer das Aufheulen der doppelten Johnson-Außenborder, die ans Ufer schwappenden Wellen, das Wippen der Bikinischönheiten mit den Hüften, um der Nässe zu entkommen, das kurze Klaffen des Bikiniunterteils, der erhaschte Blick auf den wunderschönen Haaransatz! Da geht jeder Weberknecht in die Kniee.

Auf die Welt gekommen war der Sohn, späterer Brandstifter und in Transformation zum Harvestman begriffen, mit einer Schnur um den Kopf und wäre beinahe erstickt. Es blieben vielleicht leicht hervortretende Augen. Darüber die Beine meiner Mutter wie ein Galgengestell, Blut und Wasser, um den Hals die Nabelschnur. Darüber die Wunde, die später am Sandkasten sich wieder geschlossen hatte. Sehr gut aussehend sei sie ja davor gewesen und beinahe Pianistin geworden, hat man im engeren Familienkreis gesagt, nein Konzertpianistin sogar. Später, da ist wieder Erinnerung, spielte sie ständig Mozart auf eine derart gefühlsdusselige Art, dass das Kind sich auf dem Balkon den Kopf durch das Balkongitter schob und dann nicht mehr zurückkam. Mit Öl ging's dann nach einiger Zeit. Feuerrote Ohren. Das Klavier stand im Schlafzimmer neben dem Ehebett. Die Plumeaus wurden jeden Tag über den Balkon gelegt und aufgeschüttelt. Alles war immer gebügelt, sogar die Leichentücher. Diese ewig frisch gemachte Betten! Ständig aufgeschüttelt. Sahen aus, als wären sie aus Gips oder Latex. Passend zu dem Haarsprayhelm meiner Mutter. Hatte was leicht Sadistisches. Einmal verirrte sich eine Fledermaus in das Schlafzimmer und wäre beinahe ins Klavier gestürzt und hinterließ eine schwarze Fahne in der Luft. Mama schrie wie verrückt.

Sie schrie nach Nobodaddy, aber der war als Korrespondent in Bonn, vergnügte sich in seiner Freizeit mit Callgirls, öffnete Mieder mit dem Mund und trank Pisse aus Pumps. Absolutes savoir vivre, ein echter Weltmann. Unter dem Haus, in dessen Obergeschoss die familiäre Hölle zur Miete wohnte, lag der Starnberger See. Das klingt irgendwie unverschämt. "Da haben wir uns einen See hingelegt. War nicht ganz billig." Aber so waren sie alle, diese Angeber am Starnberger See. Irgendwo in diesem See lag auch meine Großmutter, die Mutter des sogenannten Vaters, die sich umgebracht hatte. Ihre Haare waren an manchen Stellen bis knapp unter die Wasseroberfläche hochgewachsen. Ich spürte sie, wenn ich mit Nobodaddy in den See hinausschwamm. Stundenlanges Schauen auf das Wasser verdunkelte die eigenen Augen. Aber das Auge des Sees war immer geschlossen. Die Blesshühner zogen den Lidstrich auf der Oberfläche geduldig immer wieder nach, wenn der See bei einer kleinen Böe kurz geblinzelt hatte.

Das war zehn Jahre später. Nobodaddy kannte Motorboot- und Night-Club-Besitzer, die Call Girl-Luden und überhaupt Menschen von Welt, die sich Stierhodenextrakt spritzen liessen, um es selbst wieder zu können. Menschen von Welt, die Hasen "klarmachten" und ihre doppelten Johnson-Außenborder aufheulen ließen. Die weniger Wohlhabenden, gescheiterte Konzertpianistinnen und Regenbogen-Korrespondenten betranken sich auf gemieteten Segelbooten mit Gin Fizz, im Korb daneben eine Schachtel Lord Extra und Gesammelte Werke, irgendwelche, immer über jeden Zweifel erhabene Weltliteratur. Wir jungen Stenzen trockneten zitternd auf einem heißen Blechdach an der Dampferanlegestelle und träumten von dem roten Loch zwischen Andreas Beinen, das angeblich aus über zwanzig Meter Entfernung von dem Bootssteg ihrer Eltern bis zu uns herüber leuchten konnte. Mein, Gott, war Andrea süß!

Veröffentlicht am: 30.04.2020

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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