Zum Film über Dieter Hildebrandt - und Münchens neuen Preis-Plänen

Weiterlachen gegen die Entklugung

von kulturvollzug

Dieter Hildebrandt in einer Aufnahme aus dem August 2010. Foto: Wikipedia / Christoph Vohler

„Es gibt Reden, die kann man nicht halten, die muss man fallen lassen“, hatte der vor einem Jahr verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt einmal gesagt. Doch die kleine Rede, die der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ihm zu Ehren am Montagmittag in der Lach-und-Schießgesellschaft hielt, sollte man ganz hochhalten. Darin versprach der Oberbürgermeister nämlich einen städtischen Förderpreis für Nachwuchskabarettisten, der zur Erinnerung an den größten Kabarettisten dieser Stadt nach Dieter Hildebrandt benannt werden soll. Wie hoch der Preis dotiert ist, der jährlich zu Hildebrandts Geburtstag im Mai verliehen werden soll, muss noch geklärt werden - so wie überhaupt erst der Stadtrat Reiters Vorschlag akzeptieren muss.

„Jetzt bräuchte ich den Dieter“, gesteht Hildebrandts Witwe Renate Hildebrandt-Küster und zeigt sich bei aller Freude über die beabsichtigte Ehrung ihres Mannes ganz in seinem Sinne skeptisch: „Ich weiß ja noch gar nicht, was alles mit diesem Preis verbunden ist.“ Schließlich ließ auch Hildebrandt sich von solchen Preisen nie einkaufen. Als ihm mal ein Fernsehpreis überreicht wurde, irritierte ihn laut seiner damaligen Dankesrede, dass Institutionen nun auch schon ihre Kritiker preisen. Nur, um ihn beim nächsten Ärger mit jener Institution wieder hervorheben zu können, würde er den Fernsehpreis annehmen, hatte Hildebrandt damals erklärt. Mit seiner vorbildlichen Unbestechlichkeit war er nicht selten das schlechte Gewissen jener Medienlandschaft, die statt ihrem Bildungsauftrag nachzukommen zur „Entklugung“ der Gesellschaft beiträgt.

Dieter Hildebrandt bei einem seiner letzten Auftritte beim Kulturellen Ehrenpreis 2011 im Alten Rathaussaal. Hier ehrte er sich selbst mit einem famosen "Best of", nicht nur die Biermösl Blosn (links neben der Bühne) staunte. Foto: Michael Grill

Als der Filmemacher Rüdiger Daniel ihn für eine Fernsehreihe des WDR porträtieren wollte, blieb der Hildebrandt vorerst zurückhaltend. Erst als er erfuhr, dass Kabarettist Wolfgang Neuss ebenfalls Teil der Reihe werden sollte, willigte er ein. „Dieter liebte den Neuss“, bestätigt Renate Hildebrandt-Küster und beschreibt, wie ihr Mann immer, nachdem er in Berlin den „Scheibenwischer“ produziert hatte, den damals schon zahnlosen und dennoch bissigen Neuss in dessen „Matratzengruft“ besuchte. In Daniels Porträt „Weiterlachen“, das Hildebrandt selbst noch gegen Ende seines Lebens sichten durfte und das dann nach seinem Tod am 20. November 2013 noch einmal überarbeitet wurde, fehlen solche privaten Erinnerungen. Rüdiger Daniels Film erinnert mit Ausschnitten aus Fernsehserien wie „Zwei himmlische Töchter“ und „Kir Royal“, aus Kabarettauftritten und aus Hildebrandts letzter Lesung „Ich musste immer lachen“ ausschließlich an den öffentlichen sprach-gewitzten Dieter Hildebrandt, dessen Witz sich laut der Schauspielerin Senta Berger vom englischen Wort „wit“ für „Geist“ ableitet.

Dass Daniels kurzweilige und amüsante Erinnerung in der ARD am Mittwoch - einen Tag vor Hildebrandts erstem Todestag also -  erst um 23:30 Uhr gezeigt wird, bestätigt allerdings wieder dessen Vorwurf der Entklugung. Nach dem Motto „Das Beste erst zum Schluss“ wartet das Fernsehprogramm einmal mehr, bis die Mehrheit seiner Zuschauer schon schläft, bevor es den Wachgebliebenen beweist, dass ihm Niveau nicht gänzlich fremd ist. Zumuten mag es das der Zuschauer-Mehrheit nur nicht.

Dirk Wagner

"Dieter Hildebrandt: Weiterlachen!" am Mittwoch (19. November 2014) um 23.30 Uhr im Ersten.

An die Anfänge von Dieter Hildebrandt erinnerte sich Karl Stankiewitz im KV hier.

Ein Bericht, wie es war, als Hildebrandt selbst einen Preis erhielt, findet sich hier.

Anm. d. Red. (19.11.2014, 8.50 Uhr): Am Ende des 2. Absatzes wurde nach einem Redigierfehler ein herausgefallenes Wort ("beiträgt") wieder eingefügt.

Veröffentlicht am: 18.11.2014

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