Nahe der Schallmauer: Ein atemraubender Abend mit Bad Religion in der Tonhalle

von Michael Grill

[caption id="attachment_634" align="alignright" width="225" caption="Immer noch Collegeparty, aber mit Sozialkritik: Bad Religion. Foto: Veranstalter"]Immer noch Collegeparty, aber mit Sozialkritik: Bad Religion. Foto: Veranstalter[/caption]Es waren nur 80 Minuten Punkrock, aber in diese 80 Minuten passten 28 Songs. Das sind keine drei Minuten pro Stück inklusive der Jubelpausen dazwischen. Die Ramones sind mal vor Jahren mit 32 Songs/h durch den alten Riemer Kulturflughafen gerast, das ist bis heute unerreicht. Bad Religion in der Tonhalle kamen aber schon sehr nah heran.

Bei der Band aus Los Angeles, die auch für ihre sozialkritischen Texten bekannt ist, hat Sänger Greg Graffin inzwischen eine Halbglatze, ansonsten ist alles topfit. In der randvollen Tonhalle eröffneten Bad Religion den lauten, animalischen Abend mit dem Uralt-Reißer „Do What You Want“, dann ging es in atemraubenden Tempo weiter. Anmutig flatterten die Hosenbeine im Wumms der Bassdrum bei „Recipe For Hate“ während das Kondenswasser von den Lüftungsrohren zu tropfen begann. „Before You Die“, „A Walk“, „Requiem For Dissent“ - alles flog dahin, ohne dass jemals an eine Ballade auch nur gedacht wurde. Ein Konzert so konsequent durchzuprügeln, das ist wahrlich große Punkrock-Kunst.

Über das eine oder andere verhauene Solo lachte die Band selbst am meisten. Bei „Sanity“ stampfte man mit, weil man gar nicht anders konnte. „Atomic Garden“ raste vorbei wie ein Sommergewitter. Bei „Along The Way“ dachte man schon, mehr Power geht nicht mehr, doch da hatte man „Infected“ noch nicht gehört. Bei „Generator“ ging sogar noch so etwas wie hallenweises Mitsingen. Graffin machte eine kurze Ansage, dass man heuer 30 Jahre Bad Religion feiern könne – ein höchst erstaunliches Jubiläum, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel eine Münchner Krautrocklegende wie Embryo aus der rockhistorischen Steinzeit gerade ihren 40. feiert, also auch nur zehn Jahre mehr auf den Rentnerbuckeln hat.

Bad Religion wirkten aber in der Tonhalle immer noch wie Zwanzigjährige auf einer wilden Collegeparty, die bei „American Jesus“ gemeinsam mit ihren Publikum ausrasten. Schnell noch zehn Minuten Zugaben, das reichte locker für drei Stücke. Der „Punk Rock Song“ schickte uns schließlich wieder hinaus in den Sommerregen, wo sich jeder einzelne Teilnehmer dieses Abends nach 80 Minuten nahe der Schallmauer erstmal wieder runterkühlen musste.

Veröffentlicht am: 03.08.2010

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